Archive for the ‘Lesestapel’ Category

Franz Dobler: Ein Bulle im Zug

Freitag, Dezember 9th, 2016
Franz Dobler: Ein Bulle im Zug, Heyne Hardcore, 2016

Franz Dobler: Ein Bulle im Zug, Heyne Hardcore, 2016

Erst Hardcover, dann Taschenbuch, aber eben doch immer hardcore: Franz Doblers heftiger, unangenehm treffsicherer, fieser und furchtloser Roman »Ein Bulle im Zug«, der 2014 bei Tropen als gebundenes Buch erschienen ist und Anfang 2016 von Heynes Hardcore-Imprint ins Taschenbuch gepackt wurde, ist ganz schön verstrahlt, aber eben zugleich auch wunderschön verstrahlt.

Nachdem Kommissar Fallner im Dienst einen jungen libanesischen Gangster erschossen hat und bei seiner Frau und seinen Vorgesetzten auf der Abschussliste steht, fährt er zur Therapie mit der Bahn und der Bahncard 100 quer durch die Republik. Dabei gehen Dobler, der u. a. Romane von Jim Thompson ins Deutsche übertragen hat, der Sound und das Feeling über alles, sowieso über den Plot. Das ist allerdings okay, trägt zum Lesegenuss bei. Hier und da wird das tiefsinnige Delirium zwar immer mal etwas too much, doch in der Summe ist das ein einziges atmosphärisches und sprachliches Vergnügen für alle, die diese Sorte Krimi und Literatur zu schätzen wissen. Zumal das Buch in vielen Momenten noch als gesellschaftliche Anzeigetafel taugt.

Dass es dafür den Deutschen Krimi Preis 2015 gab, ist schon so eine Art Mittelfinger an den Mainstream und den Einheitsbrei. Richtig so! Erklärt natürlich die vielen schlechten Leserstimmen der Tatort-Jünger online, die jedoch hoffentlich nicht die passenden Leser davon abhalten werden, sich an diesem Krimi made in Germany zu erfreuen. Gut, dass ich mit einiger Verspätung endlich zum Lesen gekommen bin. Oh, und der Zug hält einmal kurz am mittlerweile umgebauten Würzburger Hauptbahnhof, kurioser Moment beim Lesen …

Gerade ist übrigens die Fortsetzung »Ein Schlag ins Gesicht« rausgekommen.

Sugar & Spike: Methuman Investigations

Mittwoch, Dezember 7th, 2016
Sugar & Spike TPB, DC, 2016

Sugar & Spike TPB, DC, 2016

Die bildschöne, aber stets genervte Blondine Sugar und der gutherzige Rotschopf Spike sind seit ihrer Kindheit Nachbarn und Freunde – und zusammen inzwischen ein Privatdetektiv-Gespann im traditionsbewussten Superhelden-Universum von DC Comics. Sie ermitteln, wenn Batmans abgedrehtes Zebra-Kostüm verschwunden und ausgerechnet im Lager des Schurken Killer Moth gelandet ist. Wenn Superman eine Kiste Kryptonit von jener Insel geborgen wissen möchte, die er in seinem jugendlichen Überschwang einst nach seinem Ebenbild geschaffen hat und auf der ein paar Roboter wild um sich schießen. Wenn Green Lantern das Schicksal von Itty geklärt haben will, seinem alten Seestern-Alien-Kumpel, der eine Weile auf seiner Schulter ritt und jetzt anscheinend in einem Superhelden-Museum ausgestellt wird. Wenn Wonder Woman angeblich einen Gestaltwandler geheiratet hat, der damit in eine Talkshow zu gehen gedenkt. Oder wenn die Legion of Superheroes aus dem 31. Jahrhundert und andere Recken aus der fernen Zukunft in der Gegenwart landen.

DC hat all diese Fälle von Sugar und Spike viel zu gut in der 2016er Heftserie „Legends of Tomorrow“ versteckt und im November zum Glück in einem Komplettband mit schickem Cover gesammelt.

Die humorvollen Kurzgeschichten, die der amerikanische Superhelden-Veteran Keith Giffen (vor ewigen Zeiten für die lustigen Missionen der Justice League gefeiert und nicht zuletzt Mitschöpfer von Rocket Raccoon) und die junge brasilianische Zeichnerin Bilquis Evely (»Shaft«, »Doc Savage«) inszeniert haben, beruhen alle auf tatsächlich erschienenen, mächtig abstrusen Storys aus der langen, bunten und gerne mal bizarren DC-Vergangenheit. Auch die beiden titelgebenden Detektive gehören zu dieser Historie: 1956 erfand Sheldon Mayer (1917–1991) die niedlichen kleinen Racker Sugar Plumm und Cecil ‚Spike’ Wilson, deren kleinkindliche Abenteuer Mayer bis 1971 schrieb und zeichnete. Im Revamp von Giffen und Evenly sind Sugar und Spike erwachsen geworden und verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit heiklen Fällen, für die sich die betroffenen Superhelden oft in Grund und Boden schämen. Der traditionsbewusste, immer für eine Mischung aus Witz und Action zu habende Mr. Giffen setzt auf die Gegensätzlichkeit seiner Protagonisten, Wärme, Humor, Cheesiness, Nostalgie und Dialog-Ping-Pong, während Ms. Evely die sanft verknüpften Episoden in butterweiche, stylishe Zeichnungen kleidet, die von Ivan Plascencia superb koloriert wurden.

Davon möchte man mehr – dass es dann vorbei ist, wenn’s am schönsten ist, macht den Sammelband letztlich noch etwas wertvoller und sympathischer. Das ist eigentlich kaum zu toppen und gehört dieses Jahr auf die Leseliste jedes DC-Fans. Giffen hat das ermittelnde Duo gerade übrigens in die von ihm verfasste Serie »Blue Beetle« unter dem Rebirth-Banner integriert. Das kann man im Hinterkopf behalten, aber im Grunde ist man mit dem Band »Sugar & Spike. Metahuman Investigations« schon bestens beraten. Hübsches Weihnachtsgeschenk, by that way…

Manuele Fior: d`Orsay-Variationen

Samstag, Dezember 3rd, 2016
Manuele Fior: d`Orsay-Variationen, Avant 2016

d`Orsay-Variationen, Avant 2016

Spätestens seit seinem überzeugenden Science-Fiction-Comic »Die Übertragung« muss man den Italiener Manuele Fior, der lange in Berlin wohnte und inzwischen in Paris lebt und arbeitet, auf dem Zettel haben.

In seinem neuesten Comic-Album »d`Orsay-Variationen« setzt der vielseitige Künstler dem Impressionismus und dem Pariser Museum für Impressionistische Malerei ein Denkmal. Seine Panel-Geschichte überwindet die Grenzen von Gegenwart und Vergangenheit ebenso mühelos wie die von Wirklichkeit und Traum – und kommt so ironischerweise immer mal ganz schön surrealistisch daher, was die gegenwärtige Museums-Rahmenhandlung zwischen den historischen Episoden aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angeht.

Dabei erklärt der 1975 geborene Fior nichts und niemanden, und vermutlich hätte dem Album ein Anhang mit ein paar zusätzlichen Fakten zu den Protagonisten keineswegs geschadet. Dennoch lässt der italienische Wandervogel die großen Namen des Impressionismus – der Kunst und der Kunstgeschichte, wenn man so möchte – und einen der wichtigsten Ausstellungsorte dieser malerischen Strömung auf vielerlei Art und Weise lebendig werden. Noch wichtiger, er lässt sie interessant werden, und zwar völlig unabhängig davon, was man nun über Degas, Renoir und Co. weiß, oder eben nicht.

Und das ist ohne jeden Zweifel eine Kunst für sich.

 

Outback-Noir in Jane Harpers The Dry

Mittwoch, November 30th, 2016
Jane Harper: The Dry, Rowohlt Polaris, 2016

Jane Harper: The Dry, Rowohlt Polaris, 2016

Der Melbourner Steuerfahnder Aaron Falk kehrt für die Beerdigung seines besten Freundes Luke, der sich und seine Familie erschossen haben soll, in seine Geburtsstadt Kiewarra zurück. Dort empfangen ihn nicht nur die Hitze und die Dürre, sondern auch der Hass all derer, die Falk noch immer für den mysteriösen, bis heute ungeklärten Tod seiner früheren Freundin verantwortlich machen. Während Falk die jüngere Tragödie untersucht, stochert er zugleich in alten Erinnerungen, Wunden und Geheimnissen …

»The Dry«, das Romandebüt der in England geborenen, seit vielen Jahren in Australien lebenden Journalistin Jane Harper, könnte man problemlos als Outback-Noir bezeichnen. Ob das Aussi-Lokalkolorit und der titelgebende klimatische Aufhänger ausreichend mit Leben gefüllt sind, darüber lässt sich zumindest bis zum Showdown streiten – dafür lässt Harper ihren Leser schön lange mitknobeln. Auf zwei Zeitebenen ordentlich durchexerziert und stets solide geschrieben, präsentiert sich »The Dry«, das übrigens im Umfeld des von Agenten geleiteten Curtis Brown Creative-Schreibkurses entstand, als spannender Mainstream-Thriller.

 

Paco Roca: La Casa

Sonntag, November 27th, 2016
La Casa, Reprodukt 2016

La Casa, Reprodukt 2016

In »La Casa« verabschiedet sich der spanische Autor und Zeichner Paco Roca von seinem verstorbenen Vater, das jedoch auf angenehm unaufdringliche Weise – und vor allem nicht autobiografisch, wie das die meisten ‚Comic-Romanciers’ heute machen, sondern über den Spiegel der Fiktion.

Mit einer universellen, nichtsdestotrotz emotionalen Geschichte über das Leben, die Familie – Eltern, Kinder, Geschwister, Enkel und Großeltern –, Alter, Krankheit, den Abschied, Erinnerungen und all das, was für die Hinterbliebenen danach kommt.

Diese Panel-Erzählung entlang des Stammbaums, die Roca um ein Wochenendhaus auf dem Land kreisen lässt, ist feinsinnige, lesenswerte Comic-Literatur über die Natur des Menschen und der Familie, wobei der 1969 in Valencia geborene Roca das Querformat gelegentlich für sehr interessant gestaltete Seiten nutzt.

Und dann ist das Ganze auch noch eine ganze Spur griffiger als Rocas zuvor auf Deutsch veröffentlichtes Werk »Die Heimatlosen«, das ein bisschen zu viel gelobt wurde.

Mooncop: Tote Hose auf dem Mond

Samstag, Oktober 8th, 2016
Tom Gauld: Mooncop, Drawn & Quarterly 2016

Tom Gauld: Mooncop, Drawn & Quarterly 2016

Den Mond zu besiedeln, war letztlich wohl doch keine so gute Idee. Zumindest in »Mooncop«, dem neuen langen Comic von Tom Gauld. Die letzten Siedler verlassen nach und nach den drögen Erdtrabanten, und sein einziger Gesetzeshüter kämpft mit Melancholie und Depression, obwohl oder gerade weil die lunare Kriminalitätsrate gleich Null ist. Der Roboter-Psychiater, der ihm von der Erde geschickt wird, ist leider keine große Hilfe, und dann werden ihm auch noch seine Hochhauseinheit mit der schönen Aussicht und sein Donut-Automat genommen…

Der begnadete Reduzierer und Simplifizierer Tom Gauld, der 1976 in Schottland geboren wurde und in seinen Arbeiten für den »Guardian«, den »New Yorker« und »New Scientist« regelmäßig auf allerhand Science-Fiction-Elemente zurückgreift, macht aus der Tristesse und dem Trübsinn auf dem Mond und in der Zukunft in seinem unverkennbaren Stil und mit seinem gewohnt trockenen Humor eine universelle Parabel auf den Trott und die Traurigkeit so manchen Alltags – und zeigt, dass doch noch immer etwas passieren kann.

Gaulds knackige Strips wie z. B. im grandiosen Sammelband »You’re All Just Jealous Of My Jetpack« sind für den Erstkontakt mit dem Cartoonisten von den britischen Inseln sicher geeigneter, doch seine Fans werden Gauld natürlich jederzeit bis auf den Mond und weit darüber hinaus folgen.

The Fix: Ein neuer Wunder-Beagle

Montag, September 26th, 2016
The Fix TPB 1, Image 2016

The Fix TPB 1, Image 2016

Hello. Long time no see. Viele, viele Panini-Editorials, viele Texte für diezukunft.de und tor-online.de, und am Ende immer keine Puste mehr für den Blog, durch den Berichten zufolge schon Steppenhexen gerollt sein sollen wie im Western. Und dennoch, trotz dem üblichen Deadline-Wahnsinn vor der Buchmesse, hier endlich wieder ein Eintrag, direkt auf dem MacBook in die Blog-Maske getippt, die Augenringe ungeschminkt, der Cola/Koffein-Pegel gefährlich niedrig, die müde Haltung auf dem Stuhl fern der Bestnoten. Vielleicht tröstet dieser brandaktuelle Comic-Tipp ja ein wenig über die lange Durststrecke hinweg …

Snoopy von den unsterblichen Peanuts wird immer der coolste Comic-Beagle und sowieso der bekannteste Comic-Hund bleiben. Das ist auch richtig so. Allerdings hat er jetzt ernsthafte Konkurrenz bekommen, was Beagletum und Hundesein in der Panel-Welt angeht.

Autor Nick Spencer (»Ant-Man«) und Zeichner Steve Lieber (»Whiteout«), die zusammen schon das wunderbare »The Superior Foes of Spider-Man« servierten und als eines dieser kongenialen Dream-Teams bezeichnet werden dürfen, haben eine neue, eigenständige Serie am Start. Die heißt »The Fix« und erscheint im englischsprachigen Original, natürlich, beim Image Verlag. Der Krimi über zwei korrupte, kriminelle Loser-Cops in L. A. ist ziemlich böse und witzig – und hat einen gar nicht so heimlichen Star: Einen Beagle namens Pretzels (also Brezel), dessen unbestechliche Spürnase am LAX jeden Drogenschmuggler erzittern lässt. Doch genau diesen Top-Cop auf vier Pfoten müssen unsere beiden Bullen rumkriegen, wenn sie nicht von einem Verbrecherboss um die Ecke gebracht werden wollen, der mindestens so brutal wie öko ist …

Das erste US-Trade von »The Fix« ist dieser Tage als »Where Beagles Dare« erschienen, und obwohl es lediglich vier Hefte enthält und die lustige Handlung erst mal in die Breite geht, gehört der Band unbedingt auf die Leseliste jedes Crime-Fans mit einer Schwäche fürs grafische Erzählen. Comics mit einem Beagle, über die man lachen kann, sind nichts Neues, gute Krimi-Comics mit fiesem Humor aber immer eine Erwähnung und Empfehlung wert. Vor allem, da Nick Spencers Name vor nicht allzu langer Zeit eher deshalb durch die internationale Presse ging, weil er den patriotischen Marvel-Recken Captain America angeblich zu einem Nazi gemacht haben sollte. Und wenn wir ehrlich sind, hätte Pretzels die Aufmerksamkeit weit mehr verdient …

Frühstück mit Harley Quinn und den Borgias

Mittwoch, März 23rd, 2016
DBC Pierre: Frühstück mit den Borgias, Aufbau 2016

DBC Pierre: Frühstück mit den Borgias, Aufbau 2016

Kurzzeitig hat es mal geklappt mit regelmäßigen Beiträgen, dann kam die närrische Harley Quinn dazwischen. Na ja, okay, und der Doktor und seine TARDIS. Sei’s drum, an dieser Stelle zumindest mal wieder ein Lesetipp für die Feiertage …

Mit Jesus von Texas und Licht aus im Wunderland hatte ich viel Spaß, mit Bunny & Blair eher weniger. In seinem neuen Roman Frühstück mit den Borgias, der formal viel von einer guten Novelle hat, rechnet DBC Pierre zunächst mit dem digitalen Zeitgeist und denen ab, die ohne Smartphone nicht mehr leben können – die allein durch ihr Smartphone leben und lieben und sich in allen möglichen Situationen hinter ihrem Gerät-für-alle-Lebenslagen zu verstecken pflegen. Die Hiebe in diese Richtung, die in eine äußerst gefällige Schreibe gekleidet sind, sitzen. Gleichzeitig herrscht eine köstlich verschrobene Stimmung im Cliffs, die den Leser geschwind in die Zimmer und Gänge des Hotels zieht. Umso erstaunlicher ist es, wie sich Frühstück mit den Borgias nach dem skurrilen ersten Akt erst zu einem beunruhigenden, verstörenden Krimi wandelt und schließlich sogar mitten in der Twilight Zone landet.

Eine gewaltige Überraschung, die dieses außergewöhnliche Büchlein noch interessanter und denkwürdiger macht.

 

Morrison, Case: Doom Patrol Book One

Dienstag, März 1st, 2016
Doom Patrol Book 1, DC Comics 2016

Doom Patrol Book 1, DC/Vertigo 2016

Der schottische Comic-Autor Grant Morrison steht für andersartige Panel-Geschichten, die cool, genial, herausfordernd, stimulierend, wirr oder schlicht unlesbar sein können. Bei Morrison weiß man nie, ob er einen auf den nächsten zehn Seiten nicht komplett in seiner eigenen Gedankenwelt abhängt, ja man die Lektüre ohne das simultane Einwerfen irgendwelcher bunter Pillen nicht gleich ganz abschreiben kann. Nichtsdestotrotz gibt es viele wichtige und lesenswerte Werke, die dieser Meister des Meta in den letzten drei Dekaden geschrieben hat. Dabei lässt Morrison stets seine Faszination für das Merkwürdige, das Surreale, multiversale Konzepte sowie die Verschmelzung von Realität und Fiktion in sein Comic-Schaffen einfließen.

Ein gutes Beispiel für einen ungebrochen lohnenswerten Morrison-Klassiker ist der Vertigo-Titel „Doom Patrol“, den DC in den USA gerade in seitenstarken Sammelbänden als Paperback und E-Book neu auflegt. Morrison bekam die Serie über die in den 60ern kreierte Außenseiter-Truppe 1988 zugetragen, als sein Stern durch das metaphysische „Animal Man“ und das bereits abgegebene Script zum designierten Dauer-Bestseller „Batman: Arkham Asylum“ mächtig am Aufsteigen war.

Zusammen mit Zeichner Richard Case kreierte Morrison in den ersten Ausgaben Anfang 1989 einen guten Einstiegspunkt für alle interessierten Leser und brachte das Element des unangenehm Bizarren und verstörend Seltsamen zurück in die Abenteuer der Doom Patrol, die Morrison aufgrund der vorangegangenen Storyline neu justieren konnte. Sein Team besteht zu Beginn zunächst aus einem depressiven Menschen-Hirn im Roboter-Körper, einer traumatisierten jungen Frau mit über sechzig Persönlichkeiten, und der androgyn-verwirrten Fusion eines weißen Mannes, einer schwarzen Frau und eines negativen Geistes. Ihre Gegner sind genauso strange, während ein vielschichtiges Hypergemälde Paris verschwinden lässt, eine fremde Struwwelpeter-Welt in die Realität eindringt und eine gefährliche Gedankenlandschaft durchwandert werden muss …

Morrison und Case sollten bis Januar 1993 bleiben und über 40 US-Hefte gestalten. Der erste gut 400 Seiten umfassende Sammelband von „Doom Patrol“ pendelt zwischen Pulp, Psychologie und Philosophie, ist wirklich weird und tierisch unterhaltsam. Auch nach rund 25 Jahren sind das noch die idealen Superhelden-Geschichten für alle, die nicht so auf Capes und Spandex stehen und dafür auf fantastische Autoren wie Matt Ruff und China Miéville abfahren.

Der zweite von drei Bänden dieser neuen „Book“-Edition ist für August angekündigt. Eine gute Alternative zum Hardcover-Omnibus, für den immerhin 150 US-Dollar zu berappen sind.

Wood, Zezelj: Starve Vol. 1

Freitag, Februar 26th, 2016
Starve Vol. 1, Image 2016

Starve Vol. 1, Image 2016

In ihrer neuen Comic-Serie Starve erzählen der amerikanische Autor Brian Wood (DMZ, The Massive, Conan der Barbar) und der kroatische Zeichner Danijel Zezelj (Loveless, Northlanders) die Geschichte von Gavin Cruikshank. Einst der angesehenste Küchenchef der USA und das Gesicht der erfolgreichen exotischen Koch-Show Starve (dt. ‚Hungern’), trafen ihn in der nahen Zukunft schließlich zwei Dinge: Der Zusammenbruch der Finanzwelt – und der Hass seiner Ehefrau, nachdem Gavin sich als schwul geoutet hat. Also verkrümelte sich der geniale Koch nach Asien und genoss das sorglose Leben im selbstauferlegten Exil.

Zu Beginn des ersten US-Sammelbandes von Woods und Zezeljs Starve hat sich die Welt erholt. In Folge des Klimawandels steht ihr das Wasser zwar bis zum Hals und ist z. B. der JFK-Flughafen in New York abgesoffen, aber die Reichsten der Reichen haben wieder Oberwasser und wollen unterhalten werden. Starve mutierte ohne Gavin zu einer dekadenten Show, in der gefährliche, verbotene und illegale Speisen für das obere Eine Prozent zubereitet werden. Und jetzt, wo es allgemein wieder läuft, erinnert man sich an Gavins Vertrag und dass er noch ein paar Folgen zu liefern hat. Das Network holt seinen gealterten Star zurück, und Gavin muss gegen seinen früheren Konkurrenten antreten, wird von seiner Frau schikaniert und trifft auf seine wundervolle Tochter, die ihm erstaunlicherweise nichts nachträgt. Dafür muss Chief Cruikshank in Starve brutale Koch-Battles überstehen: Hund zubereiten. Den praktisch ausgestorbenen Blauflossen-Thunfisch auf dem Schwarzmarkt auftreiben und vielleicht den letzten seiner Art für die Preisrichter anrichten. Vor laufender Kamera ein Schwein schlachten und verwursten. Oder mit roher Gewalt irgendwo in der Stadt die Küche einer fremden Crew erobern und darin zaubern …

Ist Starve ein guter Comic? Oh ja. Extrem gut aus Leser-Sicht, deprimierend gut aus Autoren-Sicht. Brian Wood verbindet seine kritische Message diesmal mit dem anhaltenden Hype um Koch-Sendungen im Fernsehen und macht daraus eine coole, gut abgeschmeckte Dystopie, und Zezeljs typisches Artwork mundete und passte nie besser. Hunger auf einfallsreiche Science-Fiction und außergewöhnliche Comics? Dann muss Starve auf den Teller!

Wir haben erst Ende Februar, aber ich denke, diese Küchenschlacht ist bereits ein vielversprechender Kandidat für meinen Comic des Jahres.

 

Neu:

Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen

Backlist:
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