Archive for the ‘Lesestapel’ Category

Bradbury & Kleist: Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Freitag, Oktober 6th, 2017
Bradbury/Kleist: Das Böse kommt auf leisen Sohlen, Aladin 2017

Bradbury/Kleist: Das Böse kommt auf leisen Sohlen, Aladin 2017

Kein anderer Schriftsteller wird so sehr mit dem Herbst, dem Oktober und mit Halloween assoziiert wie der große Ray Bradbury (1920-2012). Kein Wunder, wenn man allein nur an »Something Wicked This Way Comes« aus dem Jahre 1962 denkt, das deutschsprachige Leser, frei nach Shakespeare, als »Das Böse kommt auf leisen Sohlen« kennen.

In diesem ebenso schönen wie melancholischen und schaurigen Roman aus Bradburys umfangreichem Schaffen geht es um die dreizehnjährigen Jungs Jim und Will und ihre Konfrontation mit dem Bösen. Denn als eines Nachts im Oktober um drei Uhr ein Zirkus in die US-Kleinstadt Green Town kommt, merken die beiden grundverschiedenen Freunde sofort, dass damit die Dunkelheit Einzug in ihre Heimat gehalten hat – und gehen mehr oder weniger auf Konfrontationskurs mit den verdächtigen Schaustellern, den finsteren Verlockungen und dem unfassbaren Übernatürlichen …

Die frisch erschienene Neuausgabe von Bradburys sprachlich gewohnt überschwänglichem Klassiker im Aladin Verlag folgt Norbert Wölfls bewährter Diogenes-Übersetzung von 1981. Brandneu sind dagegen die schwarz-weißen Illustrationen von Reinhard Kleist, die den Einband und die Innenseiten des großen hübschen Hardcovers schmücken. Der deutsche Comic-Star (»Cash: I See Darkness« und ganz aktuell: »Nick Cave: Mercy On Me«) las im Alter von vierzehn Jahren erstmals etwas von Bradbury, was für ihn eine unvergessliche Erfahrung darstellte. Kleists Kapitelgrafiken und seine ganzseitigen Illustrationen dürfen als echter Zugewinn dieses poetischen Evergreens der unheimlichen Fantastik betrachtet werden. Als Insider hat der 1970 geborene Wahlberliner Wills Vater Charles vom Aussehen her auf seinen Zeichnungen sogar Ray Bradbury nachempfunden.

Bleibt lediglich die Frage, ob diese bebilderte Ausgabe von »Das Böse kommt auf leisen Sohlen« nun der perfekte Buchtipp für Halloween ist, oder für Weihnachten. In jedem Fall mal wieder ein Buch aus der Kategorie: Zum Selberschenken, Wiederlesen, Verschenken und Entdecken.

Tom Gauld: Baking with Kafka

Montag, September 4th, 2017
Tom Gauld: Baking with Kafka, Drawn & Quarterly 2017

Tom Gauld: Baking with Kafka, Drawn & Quarterly 2017

Nach »You’re All Just Jealous Of My Jetpack« aus dem Jahr 2013 ist nun endlich ein neuer Best-of-Band mit den brillanten, geistreichen Comicstrips des schottischen Cartoonisten Tom Gauld erschienen. Die meisten zeichnerisch stark vereinfachten und reduzierten Einseiter in »Baking with Kafka« stammen aus dem »Guardian«, ein paar aber auch aus dem »New Yorker« und der »New York Times« – und es ist in jedem Fall immer wieder beeindruckend, wie wenig der 1972 geborene Gauld braucht, um viel Gehalt, Hintersinn und Witz in seine wirkungsvollen Comic-Gags zu packen.

In denen widmet er sich der klassischen Literatur, der Geschichte, dem Schreiben, Lesen und Publizieren, der Leidenschaft für Bücher, der Entwicklung zu E-Readern, der Fantasy, James Bond, und natürlich der Science-Fiction und der Zukunft: Zeitreisenden Historikern, den nicht erfolgreichen Kinderbüchern von J. G. Ballard, der Verbindung zwischen der Feen-Wiederansiedlung in 2014 und der Drachenplage in 2023, dystopischen Straßenschildern, Smartphones in »MacBeth«, »Robinson Crusoe« und »Dracula«, der Skelett-Apokalypse, einem Regenspaziergang im fernen Jahr 2513, den Nano-Bibliotheken von Morgen, Gedenk-Tellern zur Marsianer-Invasion von 1894, David Bowies vergessenen Sachbüchern, nostalgischen Robotern nach der Versklavung aller Menschen, und den sozialen Schichten im 25. Jahrhundert. Außerdem schickt er Odin mit Neil Gaiman auf Buch-Tour, um ein paar Internet-Trolle zu erledigen …

Tom Gauld gehört zu den besten Cartoonisten, die wir derzeit haben. »Baking with Kafka« ist – wie schon »You’re All Just Jealous Of My Jetpack« – ein Must-Have und ein wunderbarer, schlichtweg genialer Comicstrip-Sammelband für alle, die Literatur wie die Luft zum Atmen brauchen, auf der Geek- und Genre-Seite des Lebens zuhause sind und eine ordentliche Portion intelligenten Humor zu schätzen wissen.

Übrigens ziert ein Umschlagbild von Tom Gauld das gerade erschienene, ebenfalls sehr lesenswerte Buch »Die sechs Freiheitsgrade« des kanadischen Romanciers Nicolas Dickner.

Galaktisches Götterschwert

Mittwoch, August 30th, 2017
God Country TPB, Image, 2017

God Country TPB, Image, 2017

Dieser Tage hätte der King of Comics Jack Kirby (1917–1994), der die neunte Kunst und das frühe Marvel-Universum massiv beeinflusste und prägte, seinen 100. Geburstag gefeiert. Der folgende neue Comic hätte ihm sicher gefallen …

In ihrer Miniserie »God Country«, die seit Anfang August als Komplett-Sammelband auf Englisch vorliegt, erzählen Autor Donny Cates (»Redneck«), Zeichner Geoff Shaw (»A Town Called Dragon«) und Kolorist Jason Wordie (»Penny Dreadful«) die Geschichte des kranken alten Mannes Emmett Quinlan. Die Familie seines Sohnes droht an Emmets Alzheimer und seinen boshaften Eskapaden zu zerbrechen. Bis eines Tages ein gewaltiger magischer Tornado über West-Texas hinwegfegt, der Emmet zum Träger des riesigen Schwertes Valofax macht – dem denkenden, fühlenden, sprechenden Schwert aller Schwerter, das die Essenz jedes Schwertes ist, das in Zeit und Raum jemals geschwungen wurde oder gerade geschwungen wird. Geschmiedet wurde es im Feuer einer sterbenden außerirdischen Welt, und zwar vom galaktischen Gott der Könige und Herrn der Ewigkeit. Der will seine mächtige Klinge wiederhaben – doch Emmett, dessen Krankheit kein Thema mehr ist, solange er Valofax hält, denkt gar nicht dran, die außergewöhnliche Klinge herzugeben. Was neue Probleme für die leidgeplagten Quinlans bringt.

Die packende Science-Fantasy-Geschichte, die Cates und Shaw inszenieren, erinnert an die Besten der Besten: An Jack Kirby und seine kosmischen Gottheiten in den Universen von Marvel und DC; die Inkarnationen der ewigen Champions und die beseelten Klingen im Schaffen von Genre-Legende Michael Moorcock; Jason Aaron und Joe R. Lansdale und die sturmerprobte Südstaaten-Stimmung in ihren Werken; und nicht zuletzt an Mark Millar und den Schwung seiner frechen Comic-Storys, in denen das Übernatürliche und das Übermenschliche gern das Reale überrollen und die Figuren doch immer in der Wirklichkeit geerdet bleiben. Das hat im Fall von »God Country« viel Herz und Wucht, trifft genau den passenden Ton zwischen Epik und Emotionen, ist großartig gezeichnet und koloriert, und kommt am Ende überdies exakt auf die richtige Länge und Tiefe, die so eine Story braucht, aber auch verträgt.

Eine feine Klinge, dieser Comic. Als nächstes kümmern sich Cates und Shaw um die Soloserie von Marvels verrückten – kosmischen – Titanen Thanos, der in den kommenden Avengers-Filmen eine noch größere Rolle spielt als bisher.

Japanischer Grabräuber

Donnerstag, August 3rd, 2017
Gou Tanabe: H. P. Lovecraft's The Hound and Other Stories, Dark Horse 2017

Gou Tanabe: H. P. Lovecraft’s The Hound and Other Stories, Dark Horse 2017

Seit einigen Jahren veröffentlicht der japanische Comic-Künstler Gou Tanabe in den Manga-Magazinen seiner Heimat schwarz-weiße Panel-Adaptionen der klassischen Weird-Fiction- und Horror-Geschichten des großen H. P. Lovecraft. Auf Englisch ist bei Hellboys US-Heimatverlag Dark Horse unter dem Titel »H. P. Lovecraft’s The Hound and Other Stories« gerade ein erster Taschenbuch-Sammelband mit drei dieser Comic-Storys erschienen, der die Tanabe-Interpretationen von Lovecrafts Erzählungen »Der Tempel« (1920), »Der Hund« (1924) und »Stadt ohne Namen« (1921) enthält.

Das Storytelling der thematisch sinnig zusammengestellten, durchaus überraschenden Grabräuber-Geschichten, welche die Legende von Atlantis ebenso anzapfen wie den Cthulhu-Mythos, ist nicht immer perfekt oder leicht zu durchschauen. Dafür überzeugt Tanabes Gespür für Lovecrafts typische Stimmung und den überdimensionierten, überirdischen Schrecken, die der Genre-Altmeister aus Providence in seinem einflussreichen Schaffen so gekonnt beschworen hat, und die auch der 1975 geborene Tanabe in seinen Manga-Fassungen sehr gut einfängt. Positiv kommt hinzu, dass die ausgewählten Storys über eine deutsche U-Boot-Besatzung, englische Grabräuber in Holland und einen Schatzsucher in der arabischen Wüste keine der üblichen Verdächtigen sind, wenn es um Lovecraft-Adaptionen geht.

Laut Nachwort von »H. P. Lovecraft’s The Hound and Other Stories« sollen bald schon weitere Bände folgen, und eigentlich gibt es zwischen Schreiber & Leser, Cross Cult und Carlsen mittlerweile mehr als genug dem Manga zugeneigte Verlage in Deutschland, die sich Gou Tanabes Lovecraft-Huldigungen mal ansehen könnten.

Denis Johnson (1949–2017)

Samstag, Mai 27th, 2017
Denis Johnson: Jesus' Sohn, Rowohlt, 2007

Denis Johnson: Jesus’ Sohn, Rowohlt, 2007

Der deutsch-amerikanische Schriftsteller Denis Johnson ist im Alter von 67 Jahren gestorben.

Bei dieser Schlagzeile hat’s mich heute Morgen kurz geschüttelt. Nicht, weil ich ein langjähriger Bewunderer gewesen wäre, im Gegenteil, sondern weil ich just letzte Woche zum ersten Mal überhaupt etwas von ihm gelesen habe – nämlich seine berühmte Kurzgeschichtensammlung »Jesus’ Sohn«, die auch verfilmt worden ist, und die mich ziemlich beeindruckt hat.

Das Mängelexemplar der deutschen Hardcover-Ausgabe (ich weiß nicht mal mehr, wo ich’s mitgenommen habe, oder wann) lag ewig und drei Tage hier herum und fiel mir bei jedem Umräumen oder Neusortieren der Stapel ungelesener Bücher – jedes Mal von einer weiteren Schicht Staub bedeckt – in die Hände.

Vergangene Woche hatte ich von der Arbeitslektüre her mal ein bisschen Luft, wollte jedoch keinen Roman anfangen, und da lag die Sammlung zufälligerweise wieder ganz oben auf einem kürzlich umgesiedelten, provisorisch errichteten Buchstapel; also hab ich kurzerhand die Staubschichten abgewischt und einfach vor dem Schlafengehen immer drei, vier Storys gelesen.

Johnsons episodenhafte Junkie/Krimi-Kurzgeschichten in »Jesus’ Sohn« haben fast 25 Jahre auf dem Buckel und wollen in ihrer Abgefahrenheit eigentlich gar nicht vollständig Sinn ergeben. Trotzdem sind sie ganz fein geschrieben und genüsslich zu lesen, selbst wenn man sie nie ganz ergründen kann oder sortiert kriegt in ihrer Chronologie und Sprunghaftigkeit.

 

Guy Delisle: Geisel

Samstag, März 18th, 2017
Guy Delisle: Geisel, Reprodukt 2017

Guy Delisle: Geisel, Reprodukt 2017

Im Jahre 1997 wurde der Franzose Christophe André, der für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen im Kaukasus tätig war, mitten in der Nacht aus einem Haus entführt und verschleppt. Mehr als drei Monate verbrachte er als Geisel tschetschenischer Separatisten, wobei er einen Großteil der Zeit mit Handschellen in einen kargen Raum ohne Fenster gefesselt war.

In seiner neuesten Comic-Reportage »Geisel«, die gerade bei Reprodukt auf Deutsch erschienen ist und fort geht vom autobiografischen Konzept seiner letzten erfolgreichen Panel-Werke, nutzt der international gefeierte Kanadier Guy Delisle über 400 stark dekomprimierte Seiten, um aufgrund von Gesprächen mit André dessen Geschichte nachzuerzählen und seine Zeit als Geisel zu schildern.

Das Ergebnis ist ein wahrer Klotz von einem Comic mit eher reduzierten Darstellungen und einer unheimlich dichten Geschichte über Monotonie, Unwissenheit, Isolation, Klaustrophobie, Hilflosigkeit, Demütigung, Zweifel und das Spiel mit der Hoffnung; eine eindringliche und fesselnde Bildergeschichte, die erst lange von ihrer meisterhaften Beherrschung des grafischen Mediums sowie ihrer Intimität und Intensität lebt, und am Ende dann von ihrer Spannung.

Tom Bouman: Auf der Jagd

Dienstag, März 14th, 2017
Tom Bouman: Auf der Jagd, Ars Vivendi, 2017

Tom eouman: Auf der Jagd, Ars Vivendi Verlag 2017

Tom Boumans Romandebüt »Auf der Jagd« – im amerikanischen Original »Dry Bones in the Valley« – entführt seine Leser nach Pennsylvania, genauer gesagt in die Appalachen.

Kleinstadtpolizisten wie Ich-Erzähler Henry Farrell wissen, dass sie es in dieser Gegend mit einem besonderen Schlag Menschen zu tun haben und nach ebenso besonderen Regeln vorgehen müssen, damit sie mitten im Nirgendwo nicht einfach eine Kugel durchs Handbuch und ins Herz gejagt kriegen. Die störrischen Einwandererfamilien in den Hügeln waren schon lange vor den Fracking-Türmen hier, und selbst wenn die jüngste Generation mit Meth-Labors und Quad Bikes aufgewachsen ist, dreht sich doch noch immer viel um Tradition, Stolz sowie alte Fehden und Sünden.

Officer Farrells Mörderjagd durch die ausgedehnten Sümpfe, Wälder und Hügel folgt daher einem eigenen Rhythmus, und das gilt auch für Tom Boumans starken Krimi-Roman. Der lebt von der Nähe zu seinem sympathischen Protagonisten, der urigen Landschaft und ihren Bewohnern, der gewandten Sprache und dem Konflikt zwischen Vergangenheit und Fortschritt jeder Art.

Der Edgar Award für das beste Debüt, der LA Times Book Prize und das Lob von Genre-Veteran Joe R. Lansdale aus dem Süden gehen also mehr als in Ordnung!

Okko: Das Buch der Leere

Samstag, Februar 11th, 2017
Hub: Okko Bd. 5 – Das Buch der Leere, Carlsen 2017

Hub: Okko Bd. 5 – Das Buch der Leere, Carlsen 2017

Der 1969 geborene Humbert Chabuel alias Hub arbeitete bereits Ende der 90er mit Moebius und Jean-Claude Mézières am Design von Luc Bessons Science-Fiction-Film »Das fünfte Element«. Anschließend führte ihn der Weg des kreativen Kriegers ins Umfeld von Videogames, Werbung und Fernsehen.

In Sachen Comics zeichnete Hub u. a. den Euro-Manga »Kazandou«; 2005 startete er dann seine Samurai-Fantasy-Saga »Okko«, die ihn über ein Jahrzehnt lang beschäftigen sollte. Bei Carlsen ist unter dem Titel »Das Buch der Leere« soeben das fünfte, finale großformatige Album der Serie erschienen, die nach Höhen und Tiefen mit einem starken Band endet.

Denn der Schwertkämpfer und Geisterjäger Okko, dessen kleine Schar lange genug durch das vom feudalen Japan inspirierte Königreich Pajan streifte, macht Schluss. Auf dem Weg in das Kloster, in dem der Ronin seinen Lebensabend verbringen soll, wird die Geschichte seiner Herkunft erzählt – der gewohnt stilsicher gezeichnete und kolorierte Abschlussband präsentiert neben dem Schlussakkord der Serie also vor allem Okkos düstere Origin.

Während Hub zeigt, wie aus einem jungen Adeligen ein herrenloser Samurai und Dämonenjäger wurde, lüftet er alle Geheimnisse, die seit dem überragenden ersten Album auf ihre Enthüllung gewartet haben. Herzen und Knochen brechen, Blut und Hirnmasse spritzen, Masken fallen, und am Ende bleiben keine Fragen offen.

Sayonara, Okko.

Renato Jones: The One%

Dienstag, Januar 31st, 2017
Kaare Andrews: Renato Jones: The One% Season One, Image 2017

Kaare Andrews: Renato Jones: The One%, Image 2017

Den kanadischen Comic-Künstler Kaare Kyle Andrews kennt man vor allem für Werke wie die düstere Zukunftsvision »Spider-Man: Das Regime«, »Spider-Man/Dr. Octopus: Das Erste Jahr« und »Iron Fist: The Living Weapon«. Zuletzt startete das Multitalent mit »Renato Jones: The One%« eine neue eigenständige Serie, die er erfunden hat, schreibt, zeichnet, koloriert und besitzt. Dieser Tage ist der erste US-Sammelband beim Image Verlag zum Schnupperpreis erschienen.

Titelheld Renato Jones gehört zu den Reichen und Schönen, doch das ist nur eine Lüge und ferner bloß Fassade. In Wahrheit ist er nämlich der maskierte Vigilant namens Freelancer und macht in Anzug und Krawatte unerbittlich Jagd auf die gierigsten, dekadentesten und skrupellosesten Vertreter der Oberschicht – auf das eine Prozent an der Spitze der Nahrungskette, dem mehr als die Hälfte der Welt gehört, und das übervorteilt, ausbeutet, knechtet, foltert, vergewaltigt und zerdrückt. Renatos Kreuzzug gegen die hemmungslose, völlig außer Rand und Band geratene Oberklasse der Gesellschaft konfrontiert ihn zugleich mit Gegnern, die dank neuester Technik per Knopfdruck am Handgelenk fünfmal mehr Muskelmasse haben als kurz zuvor, gefährlichen Pleasure-bots und einem verrückten Superkiller …

In »Renato Jones: The One%« zieht Kaare Andrews beim Thema Klassenkampf so richtig vom Leder – und sein hasspredigender reicher Präsidentschaftskandidat war wohl nicht aus der Luft gegriffen. Zeichnerisch vermischt Andrews wie üblich Einflüsse aus der Indie-Szene und dem Manga, die er diesmal regelmäßig durch großartige bunte und schwarz-weiße Seiten ergänzt, die direkt aus Frank Millers Meisterwerken »Sin City« und »Batman: Die Rückkehr des Dunklen Ritters« entsprungen zu sein scheinen. Das entbirgt nicht einer gewissen Ironie angesichts der wütenden, brutalen Story um einen Rächer mit Occupy-Gesinnung und Millers abwertenden Aussagen über die Bewegung vor fünf, sechs Jahren. Sei’s drum, spektakulär sieht das Ganze allemal aus.

Auch sehr cool: Den Umschlag des Sammelbandes zieren vorne und hinten die Botschaften The Super Rich Are Super F***ed und Let Them Come For Me / Let Them Eat Me Whole / And Let Them Choke, deren klotzige Lettern dank Spotlack nur im richtigen Licht schimmern.

Hoffentlich dauert es bis zur zweiten Season nicht so lange.

Monster! Und andere Geschichten

Donnerstag, Januar 26th, 2017
Gustavo Duarte: Monster! Und andere Geschichten, Panini 2017

Gustavo Duarte: Monster! Und andere Geschichten, Panini 2017

Nachdem ich für Panini zunächst die »Superhelden-Arbeiten« des brasilianischen Zeichners Gustavo Duarte in »Bizarro« und »Rocket Raccoon« als Redakteur betreut habe, präsentieren Alex Bubenbeimer und die Kollegen in Stuttgart nun Duartes eigenständigen Comic-Band »Monster! Und andere Geschichten«.

Darin enthalten sind drei lange fantastische Panel-Erzählungen von Mr. Duarte, die ohne ein einziges Wort auskommen. In den dreifarbig angelegten Geschichten des 1977 geborenen Cartoonisten wird ein Schweinefarmer durch eine Alien-Entführung im wahrsten Sinne des Wortes verwandelt; ein alter, in okkulten Dingen bewanderter Angler tritt gegen riesige Kaiju-Monster aus der Tiefsee an, die seine Stadt angreifen; und zwei Bürovögel flüchten panisch vor dem Sensenmann.

Dabei beweist der von Charles M. Schulz, Bill Watterson, Will Eisner, Al Hirschfeld und anderen beeinflusste Duarte, dass auch er ein Meister des stummen, nichtsdestotrotz aussagekräftigen und schwungvollen grafischen Erzählens ist.

Die deutsche Hardcover-Ausgabe hat ein eigenes Cover und enthält neben einem Vorwort von Sergio Aragonés noch einen exklusiven Anhang mit Interview und Skizzen.

Neu:

Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen

Backlist:
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