Archive for the ‘Rezension’ Category

Guy Delisle: Geisel

Samstag, März 18th, 2017
Guy Delisle: Geisel, Reprodukt 2017

Guy Delisle: Geisel, Reprodukt 2017

Im Jahre 1997 wurde der Franzose Christophe André, der für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen im Kaukasus tätig war, mitten in der Nacht aus einem Haus entführt und verschleppt. Mehr als drei Monate verbrachte er als Geisel tschetschenischer Separatisten, wobei er einen Großteil der Zeit mit Handschellen in einen kargen Raum ohne Fenster gefesselt war.

In seiner neuesten Comic-Reportage »Geisel«, die gerade bei Reprodukt auf Deutsch erschienen ist und fort geht vom autobiografischen Konzept seiner letzten erfolgreichen Panel-Werke, nutzt der international gefeierte Kanadier Guy Delisle über 400 stark dekomprimierte Seiten, um aufgrund von Gesprächen mit André dessen Geschichte nachzuerzählen und seine Zeit als Geisel zu schildern.

Das Ergebnis ist ein wahrer Klotz von einem Comic mit eher reduzierten Darstellungen und einer unheimlich dichten Geschichte über Monotonie, Unwissenheit, Isolation, Klaustrophobie, Hilflosigkeit, Demütigung, Zweifel und das Spiel mit der Hoffnung; eine eindringliche und fesselnde Bildergeschichte, die erst lange von ihrer meisterhaften Beherrschung des grafischen Mediums sowie ihrer Intimität und Intensität lebt, und am Ende dann von ihrer Spannung.

Tom Bouman: Auf der Jagd

Dienstag, März 14th, 2017
Tom Bouman: Auf der Jagd, Ars Vivendi, 2017

Tom eouman: Auf der Jagd, Ars Vivendi Verlag 2017

Tom Boumans Romandebüt »Auf der Jagd« – im amerikanischen Original »Dry Bones in the Valley« – entführt seine Leser nach Pennsylvania, genauer gesagt in die Appalachen.

Kleinstadtpolizisten wie Ich-Erzähler Henry Farrell wissen, dass sie es in dieser Gegend mit einem besonderen Schlag Menschen zu tun haben und nach ebenso besonderen Regeln vorgehen müssen, damit sie mitten im Nirgendwo nicht einfach eine Kugel durchs Handbuch und ins Herz gejagt kriegen. Die störrischen Einwandererfamilien in den Hügeln waren schon lange vor den Fracking-Türmen hier, und selbst wenn die jüngste Generation mit Meth-Labors und Quad Bikes aufgewachsen ist, dreht sich doch noch immer viel um Tradition, Stolz sowie alte Fehden und Sünden.

Officer Farrells Mörderjagd durch die ausgedehnten Sümpfe, Wälder und Hügel folgt daher einem eigenen Rhythmus, und das gilt auch für Tom Boumans starken Krimi-Roman. Der lebt von der Nähe zu seinem sympathischen Protagonisten, der urigen Landschaft und ihren Bewohnern, der gewandten Sprache und dem Konflikt zwischen Vergangenheit und Fortschritt jeder Art.

Der Edgar Award für das beste Debüt, der LA Times Book Prize und das Lob von Genre-Veteran Joe R. Lansdale aus dem Süden gehen also mehr als in Ordnung!

Okko: Das Buch der Leere

Samstag, Februar 11th, 2017
Hub: Okko Bd. 5 – Das Buch der Leere, Carlsen 2017

Hub: Okko Bd. 5 – Das Buch der Leere, Carlsen 2017

Der 1969 geborene Humbert Chabuel alias Hub arbeitete bereits Ende der 90er mit Moebius und Jean-Claude Mézières am Design von Luc Bessons Science-Fiction-Film »Das fünfte Element«. Anschließend führte ihn der Weg des kreativen Kriegers ins Umfeld von Videogames, Werbung und Fernsehen.

In Sachen Comics zeichnete Hub u. a. den Euro-Manga »Kazandou«; 2005 startete er dann seine Samurai-Fantasy-Saga »Okko«, die ihn über ein Jahrzehnt lang beschäftigen sollte. Bei Carlsen ist unter dem Titel »Das Buch der Leere« soeben das fünfte, finale großformatige Album der Serie erschienen, die nach Höhen und Tiefen mit einem starken Band endet.

Denn der Schwertkämpfer und Geisterjäger Okko, dessen kleine Schar lange genug durch das vom feudalen Japan inspirierte Königreich Pajan streifte, macht Schluss. Auf dem Weg in das Kloster, in dem der Ronin seinen Lebensabend verbringen soll, wird die Geschichte seiner Herkunft erzählt – der gewohnt stilsicher gezeichnete und kolorierte Abschlussband präsentiert neben dem Schlussakkord der Serie also vor allem Okkos düstere Origin.

Während Hub zeigt, wie aus einem jungen Adeligen ein herrenloser Samurai und Dämonenjäger wurde, lüftet er alle Geheimnisse, die seit dem überragenden ersten Album auf ihre Enthüllung gewartet haben. Herzen und Knochen brechen, Blut und Hirnmasse spritzen, Masken fallen, und am Ende bleiben keine Fragen offen.

Sayonara, Okko.

Renato Jones: The One%

Dienstag, Januar 31st, 2017
Kaare Andrews: Renato Jones: The One% Season One, Image 2017

Kaare Andrews: Renato Jones: The One%, Image 2017

Den kanadischen Comic-Künstler Kaare Kyle Andrews kennt man vor allem für Werke wie die düstere Zukunftsvision »Spider-Man: Das Regime«, »Spider-Man/Dr. Octopus: Das Erste Jahr« und »Iron Fist: The Living Weapon«. Zuletzt startete das Multitalent mit »Renato Jones: The One%« eine neue eigenständige Serie, die er erfunden hat, schreibt, zeichnet, koloriert und besitzt. Dieser Tage ist der erste US-Sammelband beim Image Verlag zum Schnupperpreis erschienen.

Titelheld Renato Jones gehört zu den Reichen und Schönen, doch das ist nur eine Lüge und ferner bloß Fassade. In Wahrheit ist er nämlich der maskierte Vigilant namens Freelancer und macht in Anzug und Krawatte unerbittlich Jagd auf die gierigsten, dekadentesten und skrupellosesten Vertreter der Oberschicht – auf das eine Prozent an der Spitze der Nahrungskette, dem mehr als die Hälfte der Welt gehört, und das übervorteilt, ausbeutet, knechtet, foltert, vergewaltigt und zerdrückt. Renatos Kreuzzug gegen die hemmungslose, völlig außer Rand und Band geratene Oberklasse der Gesellschaft konfrontiert ihn zugleich mit Gegnern, die dank neuester Technik per Knopfdruck am Handgelenk fünfmal mehr Muskelmasse haben als kurz zuvor, gefährlichen Pleasure-bots und einem verrückten Superkiller …

In »Renato Jones: The One%« zieht Kaare Andrews beim Thema Klassenkampf so richtig vom Leder – und sein hasspredigender reicher Präsidentschaftskandidat war wohl nicht aus der Luft gegriffen. Zeichnerisch vermischt Andrews wie üblich Einflüsse aus der Indie-Szene und dem Manga, die er diesmal regelmäßig durch großartige bunte und schwarz-weiße Seiten ergänzt, die direkt aus Frank Millers Meisterwerken »Sin City« und »Batman: Die Rückkehr des Dunklen Ritters« entsprungen zu sein scheinen. Das entbirgt nicht einer gewissen Ironie angesichts der wütenden, brutalen Story um einen Rächer mit Occupy-Gesinnung und Millers abwertenden Aussagen über die Bewegung vor fünf, sechs Jahren. Sei’s drum, spektakulär sieht das Ganze allemal aus.

Auch sehr cool: Den Umschlag des Sammelbandes zieren vorne und hinten die Botschaften The Super Rich Are Super F***ed und Let Them Come For Me / Let Them Eat Me Whole / And Let Them Choke, deren klotzige Lettern dank Spotlack nur im richtigen Licht schimmern.

Hoffentlich dauert es bis zur zweiten Season nicht so lange.

Tommi Musturi: Sozusagen Samuel

Dienstag, Januar 17th, 2017
Tommi Musturi: Sozusagen Samuel, Reprodukt 2016

Tommi Musturi: Sozusagen Samuel, Reprodukt 2016

Nach »Unterwegs mit Samuel« von 2010 schickt der finnische Künstler Tommi Musturi sein merkwürdiges Geisterwesen in »Sozusagen Samuel« ein weiteres Mal auf eine mächtig assoziative, nur bedingt packende Reise.

In deren immer seltsamen und stummen, öfter sogar mal sexuellen Episoden scheint Musturi vor allem die darstellerischen Möglichkeiten des wortlosen Comic-Storytellings in alle Richtungen auszuloten und auszuprobieren. Frei nach dem Motto: Was könnte man denn heute Verrücktes zeichnen, und zerknetet man dabei die Zeit, den Raum, die Fantasie, das Narrative, oder am Besten gleich alles zusammen?

Ein merkwürdiger, bizarr-bunter Comic-Trip aus dem Heimatland der trolligen Mumins, auf dem Samuel zeitweise sogar von Tims treuem vierbeinigen Gefährten Struppi begleitet wird.

Echt eigenartig. Sozusagen.

Bruce Sterling: Pirate Utopia

Mittwoch, Januar 11th, 2017
Bruce Sterling: Pirate Utopia, Tachyon Publications 2016

Bruce Sterling: Pirate Utopia, Tachyon Publications 2016

Seit einigen Jahren lebt der 1954 geborene Amerikaner Bruce Sterling, der neben William Gibson zu den Pionieren des Cyberpunk gehört, im texanischen Austin, im kroatischen Belgrad und im italienischen Turin. In seiner Novelle »Pirate Utopia«, die mit einem Vorwort von Warren Ellis als Hardcover und E-Book bei Tachyon Publications erschienen ist, wendet Sterling sich also ganz bewusst der Italienischen Regentschaft am Quarnero bzw. dem Freistaat Fiume zu, der in den 1920ern nach dem Ersten Weltkrieg kurzzeitig existierte.

Sterling macht ihn in seinem Alternativwelt-Szenario zu einem Utopia für Futuristen, die an eine neue sozialistische Weltordnung für das 20. Jahrhundert glauben und sie am liebsten allein mit ihrer Kunst und ihren Gedichten heraufbeschwören würden. Nur wenige – wie der Piraten-Ingenieur Lorenzo Secondari – wissen, dass es für solche Kursänderungen Torpedos braucht, die idealerweise fliegen, und am Besten noch tödliche F-Strahlen.

Dabei präsentiert das von Michael Moorcock, Nick Mamatas, Lavie Tidhar, James Morrow, Alastair Reynolds und anderen Genre-Größen in höchsten Tönen gelobte »Pirate Utopia« eine Art Dieselpunk-Parallelwelt: Adolf Hitler wird in einem Nebensatz gekillt, H. P. Lovecraft und Robert E. Howard arbeiten für den amerikanischen Oberspion/Bühnenmagier Harry Houdini und werben für das Manhattan Project, und auch sonst ist alles ganz kurios. Nie hundertprozentig zwingend, aber immer kurios, und immer mächtig ironisch.

Den Schlüssel zur Geschichte gibt es allerdings erst im Anhang, der aus einem Nachwort des Autors und Redakteurs Christopher Brown, einer Nachbemerkung des treffsicheren Illustrators John Coulthart und vor allem einem langem Interview mit Bruce Sterling selbst besteht. In diesem Interview ordnet er »Pirate Utopia« als seinen umfeldbedingten Beitrag zum italienischen Sujet der fantascienza ein – und als allegorische Warnung, die im grotesk verzerrten Spiegelbild der Alternativwelt und der Alternate History zeigen soll, wie sehr die heutige Politik ihren Bezug zur Wirklichkeit verloren hat, wie leicht sich extreme politische Ideologien vermischen können, und wie heftig die Menschen nach individuellen Lebensmodellen und Lösungen suchen.

Kein einfaches Buch, sogar ein äußerst merkwürdiges Buch, aber auch ein unbestreitbar außergewöhnliches und cooles, herrlich durchgestyltes Buch, das besonders als Hardcover einiges hermacht.

Chuck Palahniuk: Jetzt bist du dran!

Sonntag, Dezember 18th, 2016
Chuck Palahniuk: Jetzt bist du dran!, Festa, 2016

Chuck Palahniuk: Jetzt bist du dran!, Festa 2016

Hierzulande erschien von US-Autor Chuck Palahniuk, der die anarchistische Buchvorlage zum gut gealterten Kultfilm »Fight Club« schrieb, zuletzt lediglich die wirre Comic-Fortsetzung zu seinem bekanntesten Werk. Nun aber gibt es endlich mal wieder ein neues Buch von Palahniuk auf Deutsch: Bei Festa kam als Auftaktband der neuen Reihe Must Read Palahniuks Kurzgeschichtensammlung »Jetzt bist du dran! Unvergessbare Geschichten« als E-Book und als toll aufgemachtes Hardcover mit Blickfang-Cover heraus.

Die über 20 Storys sind typisch Palahniuk und auch für den – sicherlich reinhauenden – Erstkontakt geeignet. Bei aller Themenvielfalt haben die heftigen eigenständigen Kurzgeschichten und die lose miteinander verknüpften modernen Tierfabeln im Band eines gemeinsam: Der 1962 geborene Mr. Palahniuk drischt wie gewohnt mit der zynischen Keule auf die moderne Gesellschaft und den Zeitgeist drauf. Entsprechend krass, drastisch, tabulos, fies, ekelig und ungebremst sind seine Storys über Defibrillator-Zombies, mörderische Burning-Festivals, verseuchten Körperschmuck oder rassistische Callcenter-Anrufe.

Trotz zahlreicher Grenzüberschreitungen, die zu seiner schreiberischen Identität und seinem Sound dazugehören, haben die Erzählungen des Amerikaners jedoch stets eine hohe handwerkliche Qualität und literarische Güte.

»Jetzt bist du dran!« ist als sehr ordentliche Übersetzung von „Make Something Up: Stories You Can’t Unread“ aus dem Jahre 2015 eine deutsche Erstveröffentlichung – und eine richtig coole und lesenswerte Sammlung.

Tyler Cross: Angola

Donnerstag, Dezember 15th, 2016
Tyler Cross: Angola, Carlsen 2016

Tyler Cross: Angola, Carlsen 2016

Hierzulande kennt man den französischen Szenaristen Fabien Nury in erster Linie für seine Kriegs-Comics »Es war einmal in Frankreich« und »Ich bin Legion« sowie für »Atar Gull«, in dem Nury und Zeichner Brüno vom Schicksal eines Sklaven im frühen 19. Jahrhundert erzählten.

In ihrer Serie »Tyler Cross« haben die beiden sich mittlerweile dem titelgebenden Gangster gewidmet. Schon das erste großformatige Album ließ das Herz jedes Krimi-Fans höher schlagen, und der zweite Band »Tyler Cross: Angola« kommt erneut als exzellent arrangierter Noir-Comic daher.

Diesmal wird Cross von seinen Komplizen betrogen und fährt in Angola ein, dem auch als The Farm bekannten, für seine Härte und Korruption berüchtigten Knast im sumpfigen Süden der USA. Zwischen Mr. Cross, seiner Freiheit und seiner Rache stehen verknackte Mobster, die ihn tot sehen wollen, und brutale Aufseher mit scharfen Frauen und Hunden.

Nury trifft den Ton dieser Gattung Gangster-Krimi perfekt, und die visuelle Stilisierung durch Brüno ist ebenso genial wie die durchdachte Kolorierung der fantastischen Laurence Croix. Besser kann man so eine Geschichte nicht inszenieren! Wer die Parker-Krimis von Richard Stark alias Donald Westlake und ihre Adaptionen durch den schmerzlich vermissten Darwyn Cooke schätzt, ist bei Tyler Cross genau richtig.

Das begeisternde zweite Album verstünde man übrigens sogar ohne den ersten Band, doch den möchte man hinterher keinesfalls missen, also lieber gleich in der richtigen Reihenfolge lesen und genießen.

Rachel Rising 7: Das Finale

Montag, Dezember 12th, 2016
Rachel Rising 7, Schreiber & Leser 2016

Rachel Rising Bd. 7, Schreiber & Leser 2016

Terry Moores »Rachel Rising« ist nicht nur eine geradezu abartig gut gezeichnete Horror-Serie in stilsicherem Schwarz-Weiß, sondern auch eine ziemlich verrückte inhaltliche Mischung.

Im finalen siebten Band des ungewöhnlichen Kleinstadt-Horrorschockers bleibt Moore seiner bisherigen Schlangenlinie treu und bringt die Handlungsstränge um Lilith, den Dämon Malus, die untote Rachel und deren perversen Mörder alles in allem ein wenig unspektakulär zu Ende. Kurz vor dem doppelten Showdown hat er sogar noch die Zeit für die sympathischsten Gerichtsmediziner der Comic-Geschichte – und für Witzeleien mit Hentai-Blüten-Halluzinationen, die allerdings in einer der üblichen blutigen Überraschungen münden, die einen immer wieder eiskalt erwischen.

Der mehrfach mit dem Eisner Award ausgezeichnete Mr. Moore, der sich vor Jahren mit der grandiosen Thriller-Seifenoper »Stranger in Paradise« in unsere Herzen schrieb und zeichnete und definitiv zu den wichtigen Vertretern der Creator-Owned-Bewegung des letzten Vierteljahrhunderts gehört, hat sich in »Rachel Rising« eben einfach mal so richtig ausgetobt. Deshalb stehen hier liebenswerte, schräge Figuren echt merkwürdigen Elementen und Entwicklungen gegenüber, und irgendwie ist es nur konsequent, dass der Amerikaner das bis zum Schluss durchgezogen hat.

Was Terry Moore als nächstes macht? Für 2018 hat er eine Rückkehr zu »Stranger in Paradise« angekündigt. Yay …

Franz Dobler: Ein Bulle im Zug

Freitag, Dezember 9th, 2016
Franz Dobler: Ein Bulle im Zug, Heyne Hardcore, 2016

Franz Dobler: Ein Bulle im Zug, Heyne Hardcore, 2016

Erst Hardcover, dann Taschenbuch, aber eben doch immer hardcore: Franz Doblers heftiger, unangenehm treffsicherer, fieser und furchtloser Roman »Ein Bulle im Zug«, der 2014 bei Tropen als gebundenes Buch erschienen ist und Anfang 2016 von Heynes Hardcore-Imprint ins Taschenbuch gepackt wurde, ist ganz schön verstrahlt, aber eben zugleich auch wunderschön verstrahlt.

Nachdem Kommissar Fallner im Dienst einen jungen libanesischen Gangster erschossen hat und bei seiner Frau und seinen Vorgesetzten auf der Abschussliste steht, fährt er zur Therapie mit der Bahn und der Bahncard 100 quer durch die Republik. Dabei gehen Dobler, der u. a. Romane von Jim Thompson ins Deutsche übertragen hat, der Sound und das Feeling über alles, sowieso über den Plot. Das ist allerdings okay, trägt zum Lesegenuss bei. Hier und da wird das tiefsinnige Delirium zwar immer mal etwas too much, doch in der Summe ist das ein einziges atmosphärisches und sprachliches Vergnügen für alle, die diese Sorte Krimi und Literatur zu schätzen wissen. Zumal das Buch in vielen Momenten noch als gesellschaftliche Anzeigetafel taugt.

Dass es dafür den Deutschen Krimi Preis 2015 gab, ist schon so eine Art Mittelfinger an den Mainstream und den Einheitsbrei. Richtig so! Erklärt natürlich die vielen schlechten Leserstimmen der Tatort-Jünger online, die jedoch hoffentlich nicht die passenden Leser davon abhalten werden, sich an diesem Krimi made in Germany zu erfreuen. Gut, dass ich mit einiger Verspätung endlich zum Lesen gekommen bin. Oh, und der Zug hält einmal kurz am mittlerweile umgebauten Würzburger Hauptbahnhof, kurioser Moment beim Lesen …

Gerade ist übrigens die Fortsetzung »Ein Schlag ins Gesicht« rausgekommen.

Neu:

Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen

Backlist:
killerscreek_sidebar1
cw1_sidebar1
cw2_sidebar1
rachegeist_sidebar1
SHudUdT_sidebar1
DZvO_sidebar1