Archive for the ‘Rezension’ Category

Wednesday Comic: Checkmate by Greg Rucka

Mittwoch, Juni 20th, 2018

In dieser Rubrik wird jeden Mittwoch einer der US-Comics vorgestellt, die ich kürzlich aus privatem oder beruflichem Interesse gelesen habe. Mittwoch, der traditionelle Release-Day der Comic-Verlage in den Staaten, scheint mir der passende Tag für diese Texte zu sein.

Super-Spione

Checkmate by Greg Rucka Book 2, DC 2018

Checkmate by Greg Rucka Book 2, DC 2018

US-Autor Greg Rucka kennt man für »Batman: Niemandsland«, »Detective Comics«, »Batwoman«, »Wolverine«, »Wonder Woman«, »Queen & Country«, »Whiteout«, »Gotham Central« und »Lazarus« – und man würde durchaus noch mehr starke Titel aus seiner Feder finden, wenn man es drauf anläge, diese Aufzählung noch länger machen zu wollen.

Zwischen 2007 und 2008 schrieb Rucka außerdem »Checkmate«, das DC jetzt in zwei dicken Paperbacks (Book One, Book Two) mit Artwork von Zeichnern wie Joe Bennett, Jesus Saiz und sogar Chris Samnee gesammelt hat. Rucka nutzte damals den Umstand, dass DC mit den Events »Infinite Crisis« und »One Year Later« mal wieder seine Kontinuität bereinigt hatte und vielen Figuren einen neuen Status quo ermöglichte. Für Rucka hieß das, dass er die ursprünglich 1988 eingeführte Checkmate-Organisation, wie die Suicide Squad eine Abteilung von Task Force X, mit bekannten und frischen Versatzstücken neu ausrichten konnte.

Komplexe Strukturen herrschen innerhalb des Super-Geheimdienstes, in dem Amanda Waller, Mr. Terrific, Sasha Bordeaux und andere in einer nach Schachfiguren benannten Doppel-Hierarchie das Sagen haben. Während die menschlichen und übermenschlichen Agenten im Feld gegen den Kobra-Kult, Bane und andere antreten müssen, ist die interne Politik von Checkmate für die brisanten Missionen so diktierend wie die geopolitische Interaktion mit dem Rest der Welt. Als Gaststars tauchen Rick Flag, Nightwing und die Outsiders, Batman sowie Superman auf.

Rucka fordert seinen Leser in »Checkmate« ganz schön, doch die Belohnung fällt groß aus. Die anspruchsvolle Superhelden-Spionage-Saga aus dem DC-Universum darf als Geheimtipp bezeichnet werden, und zwar selbst für Rucka-Fans. Denn egal wie lange man eine Auflistung mit Ruckas Werken machen würde – »Checkmate« dürfte so gut wie nie genannt werden.

Wednesday Comic: The Punisher Invades the ’Nam

Mittwoch, Juni 13th, 2018

Ich will meinen sträflich vernachlässigten Blog wiederbeleben. Keine Ahnung, ob ich es durchhalte und zeitlich hinkriege, aber der Plan ist, ein paar neue Rubriken einzuführen und regelmäßig zu befüllen. Mittwochs soll fortan immer einer der US-Comics drankommen, die ich kürzlich aus privatem oder beruflichem Interesse gelesen habe. Mittwoch, der traditionelle Release-Day der Comic-Verlage in den Staaten, scheint mir der passende Tag zu sein für diese Texte …

»Punisher Invades the 'Nam«, Marvel 2018

»Punisher Invades The ‘Nam«, Marvel 2018

Frank Castle in Vietnam

Garth Ennis war nicht der Erste, der Frank Castles Zeit als Soldat in Vietnam schilderte. Zwischen 1986 und 1993 widmete Marvel dem Vietnamkrieg eine eigene Comic-Serie, die sich ebenso unterhaltsam wie kritisch mit dem militärischen Desaster in Südostastien ausandersetzte. Anfang der 90er schaute sogar der Punisher ein paar Mal als Protagonist in »The ’Nam« vorbei, und die Kreativen zeigten u. a. Castles ersten Einsatz, sein intensives Duell mit einem Scharfschützen des Vietkong, seine Konflikte mit korrupten Offizieren und einen brutalen Kampf mit einem unmenschlichen Kriegsverbrecher.

Die entsprechenden Storys schrieben u. a. Vietnam-Veteran Don Lomax und Punisher-Veteran Chuck Dixon. Letzterer ließ die ’Nam-Geschichten schließlich wenige Jahre später in die von ihm betreuten Soloserien des Bestrafers einfließen – u. a. auf einer Mission des Punishers und eines anderen dekorierten Soldaten aus »The ’Nam«, die sich in den Wäldern der USA mit rechten Extremisten anlegen; und in einer Südamerika-Mission mit Frank und dem Hacker Micro, die der legendäre Big John Buscema phänomenal gezeichnet hat.

»The Punisher Invades The ’Nam« ist ein 350 Seiten starker Sammelband für Fans von Marvels Punisher und von reißerischen, aber eben doch guten, nicht zu verklärten Kriegscomics. Ein wirklich cooles, handwerklich stets solide bis sehr gut gemachtes Stück Punisher- und Kriegscomic-Geschichte.

Schade, dass »The ’Nam« bisher nicht vollständig in Trades vorliegt.

Hillary Jordan: Mudbound

Dienstag, Februar 6th, 2018
Hillary Jordan: Mudbound, pendo 2017

Hillary Jordan: Mudbound, pendo 2017

Mit »When She Woke« aus dem Jahre 2011, das 2013 als »Die Geächteten« auf Deutsch erschienen ist, legte die Amerikanerin Hillary Jordan ein hochinteressantes dystopisches Science-Fiction-Buch vor.

Ihren Einstand als Romanautorin gab Jordan allerdings bereits anno 2008 mit »Mudbound«, das seither in fünfzehn Sprachen übersetzt und vom Paste Magazine zu einem der zehn besten Debüts der vergangenen Dekade gekürt wurde.

Dank der Verfilmung durch Regisseurin Dee Rees, die man hierzulande aktuell auf Netflix findet, erhielt das mustergültige Südstaatendrama zehn Jahre nach seinem ursprünglichen Erscheinen als »Mudbound. Die Tränen von Mississippi« jetzt doch noch eine deutsche Ausgabe, und in diesem Fall gilt definitiv: Besser spät, als nie!

Denn die exzellent durchkomponierte, beeindruckend vielstimmige Geschichte über das harte Leben, den beiläufigen Sexismus und den brutalen und dennoch alltäglichen Rassismus im ländlichen Mississippi nach dem Zweiten Weltkrieg ist absolut geschmeidig und richtig packend geschrieben.

Angeblich arbeitet Jordan derzeit an einem Sequel ihres Pageturners.

Randabfallend: Full Bleed Vol. 1

Montag, Januar 29th, 2018
Full Bleed Vol. 1, IDW PDX 2018

Full Bleed Vol. 1, IDW PDX 2018

Als Antwort auf den Trend zum digitalen Lesen setzt beim einen oder anderen eine – abermalige – Bewusstseinsschärfung für besonders schöne und haptische Druckerzeugnisse ein. Diese analoge Reaktion bzw. Gegenreaktion bedienen Dirk Wood und Ted Adams als Herausgeber und Kuratoren des neuen englischsprachigen Kultur-Magazins »Full Bleed: Comics & Culture Quarterly«, dessen erste Ausgabe im Januar beim Spezial-Interest-Imprint IDW PDX des amerikanischen Comic-Verlag IDW erschien.

Und was für eine erste Ausgabe das geworden ist! Ein dickes, großes Hardcover mit 200 Seiten im Format 28,5 x 22,5 cm, das seinen Titel »Full Bleed« (zu Deutsch: über den Rand, randabfallend gedruckt) ganz genau nimmt und inhaltlich zwischen Comics, TV, Film, Kunst, Musik und Literatur in keine Schublade passt, während gestalterisch in Schrift und Bild aus allen Rohren gefeuert wird. Prosa, Comics, Artikel, Essays, Reiseberichte, Interviews, alles großzügig gesetzt und bebildert – da geht man gerne auf Schatzsuche. In der gebundenen Debütnummer findet sich z. B. ein verschollenes, vorher nie veröffentlichtes und ziemlich schräges Interview mit dem englischen Autor, Comic-Gott und Magier Alan »Watchmen« Moore, während Stephen King in einem langen Gespräch über die Comics plaudert, die er so las und schrieb oder noch gern schreiben würde. Bernie Wrightson, der 2017 verstorbene Meister des Makabren, wird als Künstler und Mensch ausführlich gewürdigt, und Joe R. Lansdale offeriert eine neue, fiese kleine Kurzgeschichte, die Tim Truman illustrierte. Andere Beiträge widmen sich Comics und Buchmessen auf Kuba, der falschen Darstellung Nigerias in US-Comics, einer teuren Jazz-und-Whisky-Bar in Japan, dem Vermächtnis der TV-Serie Die Sopranos, Weißen Haien, Baseball oder Punk-Künstlerin Carla Bozulich, derweil Dirk Gently-Produzent Arwind Ethan David darüber plaudert, wie Douglas Adams sein Leben veränderte.

Ergo: Eine vielseitige Wochenendlektüre, und vielleicht mal ein Sammlerstück für die Fans von Lansdale und King! Denn um als unbescholtener Kultur-Konsument »Full Bleed Vol. 1« zu kriegen, muss man darauf hoffen, dass der eine oder andere Comic-Shop in Deutschland sich gekümmert hat – Händler mussten ihre offiziellen Vorbestellungen vorab über Kickstarter anbringen, wodurch mit zusammengekommenen 90.000 Dollar bei veranschlagten 50.000 Dollar das Debüt der bunten Hardcover-Magazin-Wundertüte gesichert wurde. Geplant sind vier Ausgaben/Bände pro Jahr. Mal sehen, wie lange die Macher und die Leser durchhalten.

Corto Maltese 14: Äquatoria

Samstag, November 18th, 2017
Corto Maltese 14: Äquatoria, Schreiber & Leser 2017

Corto Maltese 14: Äquatoria, Schreiber & Leser 2017

Szenarist Juan Díaz Canales und Zeichner Rubén Pellejero treten mit »Äquatoria« zum zweiten Mal an, um die Legende von Hugo Pratts Comic-Ikone und Panel-Abenteurer Corto Maltese fortzuspinnen. Auch das vierzehnte Album der Serie kann wieder wahlweise in Farbe oder Schwarz-Weiß erstanden werden. So oder zeigt es, wie Corto dem magischen Spiegel des Priesterkönigs Johannes hinterherjagt – in Begleitung schöner Frauen und einer Nonne!

Die Suche führt sie nach Alexandria und Afrika, das die westlichen Kolonialmächte unter sich aufzuteilen versuchen. Unterwegs trifft Corto auf Winston Churchill und auf den Offizier Richard Meinertzhagen, eines der Vorbilder für James Bond; eine andere Nebenfigur hat sogar deutsche Wurzeln. Zwischendurch plaudert Corto indes aus der Ferne mit den topografischen Kurven seiner Heimat Malta, die zu meiden der respektlose Glücksritter bestens versteht.

Das neue Album von Pratts spanischen Erben macht viel Spaß, und besonders der erste Teil – inklusive Venedig – hätte Cortos Schöpfer sicher gefallen. In der zweiten Hälfte werfen Canales und Pellejero allerdings zu viele Orte und Personen in ihre Geschichte. Trotzdem muss man rückblickend sagen, dass die Begeisterung für den ersten Band der beiden wohl etwas der generellen Euphorie über neue Corto-Abenteuer geschuldet war: Dieses zweite Album ist trotz seiner Makel deutlich stärker. Nicht perfekt, aber eine würdige und unterhaltsame Fortsetzung.

Anders ausgedrückt: Zu viel, jedoch auch viel Gutes.

Stan Sakai: Turtles/Usagi Yojimbo

Montag, November 6th, 2017
Stan Sakai: TMNT/Usagi Yojimbo, Dantes 2017

Stan Sakai: TMNT/Usagi Yojimbo, Dantes 2017

Seit 1984 schildert Stan Sakai in seiner brillanten Comic-Serie »Usagi Yojmbo« die Abenteuer des langohrigen Titelhelden Miyamoto Usagi. Der durchstreift als herrenloser, aber ehrenhafter Schwertkämpfer und Leibwächter das feudale Japan des 17. Jahrhunderts, das Sakai trotz der Tierfiguren und der knuffigen Optik akkurat abbildet, während er in einem fort großartig geschriebene und gezeichnete Geschichten liefert (mehr von mir dazu beim Tagesspiegel).

Inzwischen hat Sakais Samurai-Hase endlich wieder einen deutschen Verlag. Der junge Szenepublisher Dantes nahm Usagi bei sich auf, nachdem zuvor Carlsen und Schwarzer Turm hierzulande mit einer Veröffentlichung gescheitert waren.

Dabei wurde der von Will Eisner, Robert Asprin, Stan Lee, Jeff Smith, Greg Rucka und anderen gepriesene Usagi schon vor Jahren z. B. ins multimediale Universum der Teenage Mutant Ninja Turtles überführt. 1987 inszenierte Sakai ein erstes Comic-Crossover zwischen seinem Hasen und den Ninja-Schildkröten von Kevin Eastman und Peter Laird, woraufhin Usagi später in den Zeichentrickserien und den Actionfiguren-Linien des TMNT-Franchise auftauchte. 30 Jahre nach dem ersten Treffen der tierisch eigenständigen und erfolgreichen Comic-Ikonen realisierte Usagis fleißiger Chronist nun ein neues langes Crossover, das gerade auf Deutsch herausgekommen ist.

Der sympathische Mr. Sakai, der 1953 in Japan geboren wurde, auf Hawaii mit Comics von Disney und Marvel aufwuchs und heute in den USA lebt, hat sichtlich Spaß daran, die Mythologien der Helden zusammenzubringen. Obwohl er durchaus auf die etablierte Kontinuität der von ihm gestalteten Lieblingsserie achtet, werden Neuleser nicht verprellt und kriegen vor allem ein gutes, in vielen Bereichen exemplarisches Sakai-Abenteuer mit Usagi, den Turtles, genug Kampfszenen und einer gewohnt gut eingewobenen japanischen Legende. Und wie immer bei Sakai, sieht das verblüffend mühelos aus, worin bekanntlich wahre Meisterhaftigkeit liegt. Anders als die regulären Usagi-Storys, die in schwarz-weiß erscheinen, hat Tom Luth »Teenage Mutant Ninja Turtles/Usagi Yojimbo« vollständig koloriert, was keineswegs schadet.

Hier findet sich eine Leseprobe zum Comic, der natürlich Pflichtlektüre für Usagi-Fans darstellt – doch eigentlich müssen ja ohnehin alle, die auf handwerklich perfekt erzählte und bebilderte Comics stehen, spätestens mit den neuen Dantes-Ausgaben Stan Sakais Ausnahmeserie »Usagi Yojimbo« lesen, und folglich auch dieses neue Crossover mit den Turtles.

Cowabunga, Usagi! Mögest du diesmal in Deutschland ein Erfolg werden.

Bradbury & Kleist: Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Freitag, Oktober 6th, 2017
Bradbury/Kleist: Das Böse kommt auf leisen Sohlen, Aladin 2017

Bradbury/Kleist: Das Böse kommt auf leisen Sohlen, Aladin 2017

Kein anderer Schriftsteller wird so sehr mit dem Herbst, dem Oktober und mit Halloween assoziiert wie der große Ray Bradbury (1920-2012). Kein Wunder, wenn man allein nur an »Something Wicked This Way Comes« aus dem Jahre 1962 denkt, das deutschsprachige Leser, frei nach Shakespeare, als »Das Böse kommt auf leisen Sohlen« kennen.

In diesem ebenso schönen wie melancholischen und schaurigen Roman aus Bradburys umfangreichem Schaffen geht es um die dreizehnjährigen Jungs Jim und Will und ihre Konfrontation mit dem Bösen. Denn als eines Nachts im Oktober um drei Uhr ein Zirkus in die US-Kleinstadt Green Town kommt, merken die beiden grundverschiedenen Freunde sofort, dass damit die Dunkelheit Einzug in ihre Heimat gehalten hat – und gehen mehr oder weniger auf Konfrontationskurs mit den verdächtigen Schaustellern, den finsteren Verlockungen und dem unfassbaren Übernatürlichen …

Die frisch erschienene Neuausgabe von Bradburys sprachlich gewohnt überschwänglichem Klassiker im Aladin Verlag folgt Norbert Wölfls bewährter Diogenes-Übersetzung von 1981. Brandneu sind dagegen die schwarz-weißen Illustrationen von Reinhard Kleist, die den Einband und die Innenseiten des großen hübschen Hardcovers schmücken. Der deutsche Comic-Star (»Cash: I See Darkness« und ganz aktuell: »Nick Cave: Mercy On Me«) las im Alter von vierzehn Jahren erstmals etwas von Bradbury, was für ihn eine unvergessliche Erfahrung darstellte. Kleists Kapitelgrafiken und seine ganzseitigen Illustrationen dürfen als echter Zugewinn dieses poetischen Evergreens der unheimlichen Fantastik betrachtet werden. Als Insider hat der 1970 geborene Wahlberliner Wills Vater Charles vom Aussehen her auf seinen Zeichnungen sogar Ray Bradbury nachempfunden.

Bleibt lediglich die Frage, ob diese bebilderte Ausgabe von »Das Böse kommt auf leisen Sohlen« nun der perfekte Buchtipp für Halloween ist, oder für Weihnachten. In jedem Fall mal wieder ein Buch aus der Kategorie: Zum Selberschenken, Wiederlesen, Verschenken und Entdecken.

Kij Johnson: The River Bank

Samstag, September 30th, 2017
Kij Johnson: The River Bank, Small Beer Press 2017

Kij Johnson: The River Bank, Small Beer Press 2017

Kij Johnson unterrichtet kreatives Schreiben an der University of Kansas, wo sie seit 2002 als Associate Director des Gunn Center for the Study of Science Fiction agiert. Für ihre brillanten, stilistisch perfekten Kurzgeschichten aus den Bereichen SF, Fantasy und Horror wurde die Amerikanerin bereits mit dem Hugo, dem Nebula, dem Sturgeon und dem World Fantasy Award ausgezeichnet. In Buchform liegen von ihr u. a. die grandiose Storysammlung »At the Mouth of the River of Bees« (auf Deutsch gekürzt in »Pinselstriche auf glattem Reispapier«), der erotische Fantasy-Roman »Das Geheimnis der Fuchsfrau« über das historische Japan und der offizielle Star Trek: The Next Generation-Roman »Die Ehre des Drachen« vor. Vergangenes Jahr veröffentlichte sie außerdem den starken feministischen Lovecraft-Pastiche »The Dream-Quest of Velitt Boe«, in dem sie das bizarre Traumland des Weird-Fiction-Altmeisters aus der emanzipierten Perspektive einer älteren Frau schildert.

Auch bei Johnsons neuestem Werk »The River Bank« handelt es sich wieder um eine literarische Hommage – diesmal an Kenneth Grahames (1859–1932) englischen Kinderbuchklassiker »The Wind in the Willows« alias »Der Wind in den Weiden« von 1908, den man am besten in der Übersetzung von Harry Rowohlt liest und den in den 90ern z. B. schon Fantasy-Autor William Horwood in mehreren Büchern fortgesetzt hat. Kij Johnsons schmales Büchlein, das die Australierin Kathleen Jennings durchgehend hübsch illustriert hat, ist ebenfalls ein Sequel, das ein Jahr nach dem Original einsetzt. Das gemütliche Leben der chauvinistischen Junggesellen Maulwurf, Wasserratte, Kröterich und Dachs am titelgebenden Flussufer bzw. im Wilden Walde wird durch die Ankunft der besonnenen Maulwurfdame Beryl und ihrer flatterhaften Kaninchenfreundin Lottie verkompliziert. Dazu kommen der durchtriebene Fuchs und seine kriminelle Bande aus den Hügeln, und die neueste gefährliche Obsession des unverbesserlichen Kröterichs: Motorräder …

Johnson verbeugt sich in »The River Bank« gekonnt vor dem vielfach adaptierten Klassiker, dessen Ton sie haargenau trifft. Dabei sorgt sie in ihrem angenehm süffisanten Pastiche abermals für ein bisschen feministisch-fantastischen Wind, während sie den Charme und den sozialen Subtext des Originals potenziert und obendrein dessen Welt erweitert. Rundherum ein echtes Schmuckstück!

Tom Gauld: Baking with Kafka

Montag, September 4th, 2017
Tom Gauld: Baking with Kafka, Drawn & Quarterly 2017

Tom Gauld: Baking with Kafka, Drawn & Quarterly 2017

Nach »You’re All Just Jealous Of My Jetpack« aus dem Jahr 2013 ist nun endlich ein neuer Best-of-Band mit den brillanten, geistreichen Comicstrips des schottischen Cartoonisten Tom Gauld erschienen. Die meisten zeichnerisch stark vereinfachten und reduzierten Einseiter in »Baking with Kafka« stammen aus dem »Guardian«, ein paar aber auch aus dem »New Yorker« und der »New York Times« – und es ist in jedem Fall immer wieder beeindruckend, wie wenig der 1972 geborene Gauld braucht, um viel Gehalt, Hintersinn und Witz in seine wirkungsvollen Comic-Gags zu packen.

In denen widmet er sich der klassischen Literatur, der Geschichte, dem Schreiben, Lesen und Publizieren, der Leidenschaft für Bücher, der Entwicklung zu E-Readern, der Fantasy, James Bond, und natürlich der Science-Fiction und der Zukunft: Zeitreisenden Historikern, den nicht erfolgreichen Kinderbüchern von J. G. Ballard, der Verbindung zwischen der Feen-Wiederansiedlung in 2014 und der Drachenplage in 2023, dystopischen Straßenschildern, Smartphones in »MacBeth«, »Robinson Crusoe« und »Dracula«, der Skelett-Apokalypse, einem Regenspaziergang im fernen Jahr 2513, den Nano-Bibliotheken von Morgen, Gedenk-Tellern zur Marsianer-Invasion von 1894, David Bowies vergessenen Sachbüchern, nostalgischen Robotern nach der Versklavung aller Menschen, und den sozialen Schichten im 25. Jahrhundert. Außerdem schickt er Odin mit Neil Gaiman auf Buch-Tour, um ein paar Internet-Trolle zu erledigen …

Tom Gauld gehört zu den besten Cartoonisten, die wir derzeit haben. »Baking with Kafka« ist – wie schon »You’re All Just Jealous Of My Jetpack« – ein Must-Have und ein wunderbarer, schlichtweg genialer Comicstrip-Sammelband für alle, die Literatur wie die Luft zum Atmen brauchen, auf der Geek- und Genre-Seite des Lebens zuhause sind und eine ordentliche Portion intelligenten Humor zu schätzen wissen.

Übrigens ziert ein Umschlagbild von Tom Gauld das gerade erschienene, ebenfalls sehr lesenswerte Buch »Die sechs Freiheitsgrade« des kanadischen Romanciers Nicolas Dickner.

Guy Delisle: Geisel

Samstag, März 18th, 2017
Guy Delisle: Geisel, Reprodukt 2017

Guy Delisle: Geisel, Reprodukt 2017

Im Jahre 1997 wurde der Franzose Christophe André, der für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen im Kaukasus tätig war, mitten in der Nacht aus einem Haus entführt und verschleppt. Mehr als drei Monate verbrachte er als Geisel tschetschenischer Separatisten, wobei er einen Großteil der Zeit mit Handschellen in einen kargen Raum ohne Fenster gefesselt war.

In seiner neuesten Comic-Reportage »Geisel«, die gerade bei Reprodukt auf Deutsch erschienen ist und fort geht vom autobiografischen Konzept seiner letzten erfolgreichen Panel-Werke, nutzt der international gefeierte Kanadier Guy Delisle über 400 stark dekomprimierte Seiten, um aufgrund von Gesprächen mit André dessen Geschichte nachzuerzählen und seine Zeit als Geisel zu schildern.

Das Ergebnis ist ein wahrer Klotz von einem Comic mit eher reduzierten Darstellungen und einer unheimlich dichten Geschichte über Monotonie, Unwissenheit, Isolation, Klaustrophobie, Hilflosigkeit, Demütigung, Zweifel und das Spiel mit der Hoffnung; eine eindringliche und fesselnde Bildergeschichte, die erst lange von ihrer meisterhaften Beherrschung des grafischen Mediums sowie ihrer Intimität und Intensität lebt, und am Ende dann von ihrer Spannung.

Neu:

Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen

Backlist:
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