Scott McCloud: Der Bildhauer

Der Bildhauer, Carlsen 2015

Der Bildhauer, Carlsen 2015

Seit Jahren erklärt uns Scott McCloud, wie Comics funktionieren. »Comics richtig lesen«, »Comics machen« und »Comics neu erfinden« aus der Feder des 1960 geborenen Amerikaners sind die definitiven Sekundärwerke über das grafische Erzählen – darüber, wie man Comics richtig macht und richtig liest, und was die Digitalisierung dem Comic bringt. Außerdem schrieb McCloud ein Dutzend Hefte mit Superman, realisierte am Computer die Graphic Novel »The New Adventures of Abraham Lincoln« und kombinierte als Autor und Zeichner in »Zot!« Einflüsse aus Manga, Alternativ-Comic, Superhelden und Science Fiction.

Zuletzt arbeitete er fünf Jahre an seinem ersten traditionellen Comic-Roman »The Sculptor« alias »Der Bildhauer«, in dem McCloud die Geschichte des Künstlers David Smith erzählt – nicht verwandt oder verschwägert mit dem berühmten Bildhauer gleichen Namens, sehr zum Verdruss von McClouds Protagonisten derselben Profession. Denn der junge David sitzt in der Lebens- und Schaffenskrise fest und geht letztlich in tiefster Verzweiflung einen Pakt mit dem Tod ein, der ihn in Form seines toten Onkels besucht. Das ist der Faust’sche Pakt ohne Teufel: In 200 Tagen wird David sterben – bis dahin kann der sture, zwangsgeplagte Egozentriker mit seinen Händen jedoch alles nach Belieben formen. Davids Vermächtnis als großer Künstler scheint nichts mehr im Weg zu stehen. Dann verliebt er sich …

Wie nicht anders zu erwarten, ist »Der Bildhauer« tadellos inszeniert, und auch die gelegentliche Meditation über das Wesen der Kunst und des Kunstschaffenden weiß zu gefallen. Allerdings geht McCloud an keine Grenze. Seine Graphic Novel ist allemal lesenswert und gehört zur Oberklasse dieser Saison, doch stolpert der Comic über seine konventionelle Story, die dem exzellenten Storytelling nicht das Wasser reichen kann. Zumal das Ganze gegen die irrationale Erwartung anzukämpfen hat, Scott McCloud müsse das Rad neu erfinden.

Aber vermutlich würde der Comic-Cheftheoretiker diese Ungerechtigkeit verstehen und erklären können.

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