Hubert (1971–2020)

Der französische Comic-Autor Hubert (Hubert Boulard) ist im Alter von nur 49 Jahren verstorben, wie die Presse in Frankreich meldet und eben z. B. von Tagesspiegel-Comic-Chefredakteur Lars von Törne getwittert. 49? Da fällt einem wirklich nicht viel zu ein …

Als kleiner Salut, hier zwei ältere Rezensionen von mir zu zwei von Huberts bekanntesten und besten Werken, die auch auf Deutsch erschienen sind damals, beide beim Berliner Reprodukt Verlag.

Petit – Riesen wie Götter, Reprodukt 2015

Petit – Riesen wie Götter, Reprodukt 2015

Petit – Riesen wie Götter

Nach dem deutschen Finalband des Comic-Bestsellers Fables wird es Zeit, sich nach neuen außergewöhnlichen Märchen-Fantasy-Comics für Erwachsene umzusehen … etwa in Frankreich. Aus dem comic-freundlichen Nachbarland stammt z. B. Petit von Szenarist Hubert und Zeichner Bertrand Gatignol. In ihrer Graphic Novel erzählen die beiden von Petit, dem kleinen Sohn eines zwar königlichen und gottgleichen, jedoch durch Inzucht degenerierten Riesen-Geschlechts. Eigentlich soll der winzige Petit, eine Schande für den barbarischen König, gleich nach der Geburt sterben. Doch der Kleine überlebt und genießt fortan den Schutz seiner gigantischen Tante, die sich als Einzige ihrer gewaltigen Sippe dem Verzehr von Menschenfleisch verweigert.

So wächst Petit im Geheimen zu einem jungen Riesen heran, der etwas größer ist als ein normaler Mensch. Doch im Schloss der Kolosse, die wie dekadente Götter leben, ist im Grunde nichts normal. Menschen werden auf der Farm gezüchtet und enden als Snacks und Menüs, jeder treibt es mit jedem, und die menschlichen Wachen sind nicht weniger grausam als ihre halb verrückten Herren und Herrinnen. Und selbst wenn Petit sich zwischen den Welten in eine schöne Menschenfrau verliebt und diese seine Gefühle sogar erwidert, kann er sich der Liebe nicht hingeben aus Angst, dass die Frucht seiner Leidenschaft den Körper seiner Angebeteten sprengen könnte, wie das in seiner Familie mehr als einmal vorkam.

Huberts und Gatignols Petit ist erwachsene Märchen-Fantasy von der feinsten und finstersten Sorte. Indem sie die Märchen-Klischees in mehr als Grimm’sche Härte tunken, treiben sie den Riesen jeden Rest-Hauch von Disney aus. Nebenbei streifen sie historische und moralische Themen im Einzugsgebiet von Dynastien und Traditionen. Die schwarzweißen, ausdrucksstarken und recht giblinesken Comic-Seiten machen dabei genauso viel her wie die Story oder die eingestreuten, illustrierten Prosa-Kurzgeschichten aus dem ‚Buch der Ahnen’, welche die Geschichte des Riesen-Geschlechts aufbereiten. Zusammen mit der schönen Aufmachung des Hardcovers ergibt das ein richtig schönes ‚Comic-Buch’ – wo diese Übersetzung für das englische ‚comic book’ sonst meist daneben geht, passt sie hier wegen des Märchen-Nenners ausnahmsweise mal.

Kein Märchen: Petit ist ein Riese im Comic-Endspurt des Jahres 2015.

Fräulein Rühr-Mich-Nicht-An (Gesamtausgabe)

Fräulein-Rühr-Mich-Nicht-An Gesamtausgabe, Reprodukt 2016

Fräulein-Rühr-Mich-Nicht-An Gesamtausgabe, Reprodukt 2016

Fräulein Rühr-Mich-Nicht-An beginnt im Paris der frühen 30er-Jahre. Die Schwestern Agathe und Blanche arbeiten als Dienstmädchen und könnten ungleicher nicht sein – Blanche ist schüchtern und verschlossen, Agathe geht für ihr Leben gerne Tanzen. Davon kann sie nicht einmal das Treiben des Schlächters der Guinguettes abhalten. Dann wird Agathe durch eine unglückliche Verkettung von Ereignissen ermordet, was der entsetzten Blanche jedoch niemand glauben möchte. Also muss sie selbst ermitteln, und deshalb wird der Bock in diesem Fall nicht zum Gärtner, sondern die Jungfrau zur Prostituierten. Ausgerechnet im exquisitesten Bordell der ausschweifenden französischen Hauptstadt fahndet Blanche auf eigene Faust nach dem Mörder ihrer Schwester. Blanches Unberührtheit hilft ihr, eine Anstellung als unantastbare Auspeitscherin zu bekommen – gleichzeitig zieht sie sich den Zorn einiger intriganter Mädchen zu. Darüber hinaus findet sie am Ort der käuflichen Liebe tatsächlich einen Mann, der sie glücklich machen könnte. Leider hat er ein schwerwiegendes Geheimnis …

Die durch einen Skizzenanhang abgerundete Gesamtausgabe von Fräulein Rühr-Mich-Nicht-An macht nicht nur deutlich, wie stark Marie Pommepuy und Sébastien Cosset die Story unter ihrem gemeinsamen Pseudonym Kerascoët visualisiert haben. Außerdem zeigt der schön aufgemachte Sammelband, dass Hubert letztlich zwei beinahe gleichwertige Storylines geschaffen und nach Auflösung von Blanches Mordermittlung einen weiteren guten Aufhänger gefunden hat, um die Heuchelei und Doppelmoral der damaligen Zeit aufzuzeigen.

Eine mörderisch gute Milieu-Studie.

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Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen

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