Randabfallend: Full Bleed Vol. 1

Januar 29th, 2018
Full Bleed Vol. 1, IDW PDX 2018

Full Bleed Vol. 1, IDW PDX 2018

Als Antwort auf den Trend zum digitalen Lesen setzt beim einen oder anderen eine – abermalige – Bewusstseinsschärfung für besonders schöne und haptische Druckerzeugnisse ein. Diese analoge Reaktion bzw. Gegenreaktion bedienen Dirk Wood und Ted Adams als Herausgeber und Kuratoren des neuen englischsprachigen Kultur-Magazins »Full Bleed: Comics & Culture Quarterly«, dessen erste Ausgabe im Januar beim Spezial-Interest-Imprint IDW PDX des amerikanischen Comic-Verlag IDW erschien.

Und was für eine erste Ausgabe das geworden ist! Ein dickes, großes Hardcover mit 200 Seiten im Format 28,5 x 22,5 cm, das seinen Titel »Full Bleed« (zu Deutsch: über den Rand, randabfallend gedruckt) ganz genau nimmt und inhaltlich zwischen Comics, TV, Film, Kunst, Musik und Literatur in keine Schublade passt, während gestalterisch in Schrift und Bild aus allen Rohren gefeuert wird. Prosa, Comics, Artikel, Essays, Reiseberichte, Interviews, alles großzügig gesetzt und bebildert – da geht man gerne auf Schatzsuche. In der gebundenen Debütnummer findet sich z. B. ein verschollenes, vorher nie veröffentlichtes und ziemlich schräges Interview mit dem englischen Autor, Comic-Gott und Magier Alan »Watchmen« Moore, während Stephen King in einem langen Gespräch über die Comics plaudert, die er so las und schrieb oder noch gern schreiben würde. Bernie Wrightson, der 2017 verstorbene Meister des Makabren, wird als Künstler und Mensch ausführlich gewürdigt, und Joe R. Lansdale offeriert eine neue, fiese kleine Kurzgeschichte, die Tim Truman illustrierte. Andere Beiträge widmen sich Comics und Buchmessen auf Kuba, der falschen Darstellung Nigerias in US-Comics, einer teuren Jazz-und-Whisky-Bar in Japan, dem Vermächtnis der TV-Serie Die Sopranos, Weißen Haien, Baseball oder Punk-Künstlerin Carla Bozulich, derweil Dirk Gently-Produzent Arwind Ethan David darüber plaudert, wie Douglas Adams sein Leben veränderte.

Ergo: Eine vielseitige Wochenendlektüre, und vielleicht mal ein Sammlerstück für die Fans von Lansdale und King! Denn um als unbescholtener Kultur-Konsument »Full Bleed Vol. 1« zu kriegen, muss man darauf hoffen, dass der eine oder andere Comic-Shop in Deutschland sich gekümmert hat – Händler mussten ihre offiziellen Vorbestellungen vorab über Kickstarter anbringen, wodurch mit zusammengekommenen 90.000 Dollar bei veranschlagten 50.000 Dollar das Debüt der bunten Hardcover-Magazin-Wundertüte gesichert wurde. Geplant sind vier Ausgaben/Bände pro Jahr. Mal sehen, wie lange die Macher und die Leser durchhalten.

Corto Maltese 14: Äquatoria

November 18th, 2017
Corto Maltese 14: Äquatoria, Schreiber & Leser 2017

Corto Maltese 14: Äquatoria, Schreiber & Leser 2017

Szenarist Juan Díaz Canales und Zeichner Rubén Pellejero treten mit »Äquatoria« zum zweiten Mal an, um die Legende von Hugo Pratts Comic-Ikone und Panel-Abenteurer Corto Maltese fortzuspinnen. Auch das vierzehnte Album der Serie kann wieder wahlweise in Farbe oder Schwarz-Weiß erstanden werden. So oder zeigt es, wie Corto dem magischen Spiegel des Priesterkönigs Johannes hinterherjagt – in Begleitung schöner Frauen und einer Nonne!

Die Suche führt sie nach Alexandria und Afrika, das die westlichen Kolonialmächte unter sich aufzuteilen versuchen. Unterwegs trifft Corto auf Winston Churchill und auf den Offizier Richard Meinertzhagen, eines der Vorbilder für James Bond; eine andere Nebenfigur hat sogar deutsche Wurzeln. Zwischendurch plaudert Corto indes aus der Ferne mit den topografischen Kurven seiner Heimat Malta, die zu meiden der respektlose Glücksritter bestens versteht.

Das neue Album von Pratts spanischen Erben macht viel Spaß, und besonders der erste Teil – inklusive Venedig – hätte Cortos Schöpfer sicher gefallen. In der zweiten Hälfte werfen Canales und Pellejero allerdings zu viele Orte und Personen in ihre Geschichte. Trotzdem muss man rückblickend sagen, dass die Begeisterung für den ersten Band der beiden wohl etwas der generellen Euphorie über neue Corto-Abenteuer geschuldet war: Dieses zweite Album ist trotz seiner Makel deutlich stärker. Nicht perfekt, aber eine würdige und unterhaltsame Fortsetzung.

Anders ausgedrückt: Zu viel, jedoch auch viel Gutes.

Stan Sakai: Turtles/Usagi Yojimbo

November 6th, 2017
Stan Sakai: TMNT/Usagi Yojimbo, Dantes 2017

Stan Sakai: TMNT/Usagi Yojimbo, Dantes 2017

Seit 1984 schildert Stan Sakai in seiner brillanten Comic-Serie »Usagi Yojmbo« die Abenteuer des langohrigen Titelhelden Miyamoto Usagi. Der durchstreift als herrenloser, aber ehrenhafter Schwertkämpfer und Leibwächter das feudale Japan des 17. Jahrhunderts, das Sakai trotz der Tierfiguren und der knuffigen Optik akkurat abbildet, während er in einem fort großartig geschriebene und gezeichnete Geschichten liefert (mehr von mir dazu beim Tagesspiegel).

Inzwischen hat Sakais Samurai-Hase endlich wieder einen deutschen Verlag. Der junge Szenepublisher Dantes nahm Usagi bei sich auf, nachdem zuvor Carlsen und Schwarzer Turm hierzulande mit einer Veröffentlichung gescheitert waren.

Dabei wurde der von Will Eisner, Robert Asprin, Stan Lee, Jeff Smith, Greg Rucka und anderen gepriesene Usagi schon vor Jahren z. B. ins multimediale Universum der Teenage Mutant Ninja Turtles überführt. 1987 inszenierte Sakai ein erstes Comic-Crossover zwischen seinem Hasen und den Ninja-Schildkröten von Kevin Eastman und Peter Laird, woraufhin Usagi später in den Zeichentrickserien und den Actionfiguren-Linien des TMNT-Franchise auftauchte. 30 Jahre nach dem ersten Treffen der tierisch eigenständigen und erfolgreichen Comic-Ikonen realisierte Usagis fleißiger Chronist nun ein neues langes Crossover, das gerade auf Deutsch herausgekommen ist.

Der sympathische Mr. Sakai, der 1953 in Japan geboren wurde, auf Hawaii mit Comics von Disney und Marvel aufwuchs und heute in den USA lebt, hat sichtlich Spaß daran, die Mythologien der Helden zusammenzubringen. Obwohl er durchaus auf die etablierte Kontinuität der von ihm gestalteten Lieblingsserie achtet, werden Neuleser nicht verprellt und kriegen vor allem ein gutes, in vielen Bereichen exemplarisches Sakai-Abenteuer mit Usagi, den Turtles, genug Kampfszenen und einer gewohnt gut eingewobenen japanischen Legende. Und wie immer bei Sakai, sieht das verblüffend mühelos aus, worin bekanntlich wahre Meisterhaftigkeit liegt. Anders als die regulären Usagi-Storys, die in schwarz-weiß erscheinen, hat Tom Luth »Teenage Mutant Ninja Turtles/Usagi Yojimbo« vollständig koloriert, was keineswegs schadet.

Hier findet sich eine Leseprobe zum Comic, der natürlich Pflichtlektüre für Usagi-Fans darstellt – doch eigentlich müssen ja ohnehin alle, die auf handwerklich perfekt erzählte und bebilderte Comics stehen, spätestens mit den neuen Dantes-Ausgaben Stan Sakais Ausnahmeserie »Usagi Yojimbo« lesen, und folglich auch dieses neue Crossover mit den Turtles.

Cowabunga, Usagi! Mögest du diesmal in Deutschland ein Erfolg werden.

Bradbury & Kleist: Das Böse kommt auf leisen Sohlen

Oktober 6th, 2017
Bradbury/Kleist: Das Böse kommt auf leisen Sohlen, Aladin 2017

Bradbury/Kleist: Das Böse kommt auf leisen Sohlen, Aladin 2017

Kein anderer Schriftsteller wird so sehr mit dem Herbst, dem Oktober und mit Halloween assoziiert wie der große Ray Bradbury (1920-2012). Kein Wunder, wenn man allein nur an »Something Wicked This Way Comes« aus dem Jahre 1962 denkt, das deutschsprachige Leser, frei nach Shakespeare, als »Das Böse kommt auf leisen Sohlen« kennen.

In diesem ebenso schönen wie melancholischen und schaurigen Roman aus Bradburys umfangreichem Schaffen geht es um die dreizehnjährigen Jungs Jim und Will und ihre Konfrontation mit dem Bösen. Denn als eines Nachts im Oktober um drei Uhr ein Zirkus in die US-Kleinstadt Green Town kommt, merken die beiden grundverschiedenen Freunde sofort, dass damit die Dunkelheit Einzug in ihre Heimat gehalten hat – und gehen mehr oder weniger auf Konfrontationskurs mit den verdächtigen Schaustellern, den finsteren Verlockungen und dem unfassbaren Übernatürlichen …

Die frisch erschienene Neuausgabe von Bradburys sprachlich gewohnt überschwänglichem Klassiker im Aladin Verlag folgt Norbert Wölfls bewährter Diogenes-Übersetzung von 1981. Brandneu sind dagegen die schwarz-weißen Illustrationen von Reinhard Kleist, die den Einband und die Innenseiten des großen hübschen Hardcovers schmücken. Der deutsche Comic-Star (»Cash: I See Darkness« und ganz aktuell: »Nick Cave: Mercy On Me«) las im Alter von vierzehn Jahren erstmals etwas von Bradbury, was für ihn eine unvergessliche Erfahrung darstellte. Kleists Kapitelgrafiken und seine ganzseitigen Illustrationen dürfen als echter Zugewinn dieses poetischen Evergreens der unheimlichen Fantastik betrachtet werden. Als Insider hat der 1970 geborene Wahlberliner Wills Vater Charles vom Aussehen her auf seinen Zeichnungen sogar Ray Bradbury nachempfunden.

Bleibt lediglich die Frage, ob diese bebilderte Ausgabe von »Das Böse kommt auf leisen Sohlen« nun der perfekte Buchtipp für Halloween ist, oder für Weihnachten. In jedem Fall mal wieder ein Buch aus der Kategorie: Zum Selberschenken, Wiederlesen, Verschenken und Entdecken.

Kij Johnson: The River Bank

September 30th, 2017
Kij Johnson: The River Bank, Small Beer Press 2017

Kij Johnson: The River Bank, Small Beer Press 2017

Kij Johnson unterrichtet kreatives Schreiben an der University of Kansas, wo sie seit 2002 als Associate Director des Gunn Center for the Study of Science Fiction agiert. Für ihre brillanten, stilistisch perfekten Kurzgeschichten aus den Bereichen SF, Fantasy und Horror wurde die Amerikanerin bereits mit dem Hugo, dem Nebula, dem Sturgeon und dem World Fantasy Award ausgezeichnet. In Buchform liegen von ihr u. a. die grandiose Storysammlung »At the Mouth of the River of Bees« (auf Deutsch gekürzt in »Pinselstriche auf glattem Reispapier«), der erotische Fantasy-Roman »Das Geheimnis der Fuchsfrau« über das historische Japan und der offizielle Star Trek: The Next Generation-Roman »Die Ehre des Drachen« vor. Vergangenes Jahr veröffentlichte sie außerdem den starken feministischen Lovecraft-Pastiche »The Dream-Quest of Velitt Boe«, in dem sie das bizarre Traumland des Weird-Fiction-Altmeisters aus der emanzipierten Perspektive einer älteren Frau schildert.

Auch bei Johnsons neuestem Werk »The River Bank« handelt es sich wieder um eine literarische Hommage – diesmal an Kenneth Grahames (1859–1932) englischen Kinderbuchklassiker »The Wind in the Willows« alias »Der Wind in den Weiden« von 1908, den man am besten in der Übersetzung von Harry Rowohlt liest und den in den 90ern z. B. schon Fantasy-Autor William Horwood in mehreren Büchern fortgesetzt hat. Kij Johnsons schmales Büchlein, das die Australierin Kathleen Jennings durchgehend hübsch illustriert hat, ist ebenfalls ein Sequel, das ein Jahr nach dem Original einsetzt. Das gemütliche Leben der chauvinistischen Junggesellen Maulwurf, Wasserratte, Kröterich und Dachs am titelgebenden Flussufer bzw. im Wilden Walde wird durch die Ankunft der besonnenen Maulwurfdame Beryl und ihrer flatterhaften Kaninchenfreundin Lottie verkompliziert. Dazu kommen der durchtriebene Fuchs und seine kriminelle Bande aus den Hügeln, und die neueste gefährliche Obsession des unverbesserlichen Kröterichs: Motorräder …

Johnson verbeugt sich in »The River Bank« gekonnt vor dem vielfach adaptierten Klassiker, dessen Ton sie haargenau trifft. Dabei sorgt sie in ihrem angenehm süffisanten Pastiche abermals für ein bisschen feministisch-fantastischen Wind, während sie den Charme und den sozialen Subtext des Originals potenziert und obendrein dessen Welt erweitert. Rundherum ein echtes Schmuckstück!

Interview mit William Gibson

September 21st, 2017
William Gibson, Butch Guice u. a.: Archangel, Cross Cult 2017

William Gibson, Butch Guice u. a.: Archangel, Cross Cult 2017

William »Neuromancer« Gibson?

Eine lebende Science-Fiction-Legende.

Bei Cross Cult ist vor Kurzem die deutsche Ausgabe seines ersten originären Comics »Archangel« erschienen.

Ursprünglich sollte der Zeitreise/Alternativwelten-Stoff über den Zweiten Weltkrieg, der einige Parallelen zu Gibsons Roman »Peripherie« aufweist, eine TV-Serie werden. Am Ende setzten Michael Benedetto, Butch Guice und Al Barrionuevo die Geschichte, die sich Gibson zusammen mit seinem Schauspieler-Kumpel Michael St. John Smith ausgedacht hat, in Panel-Form um.

Zum Release des deutschsprachigen Komplettbandes habe ich den amerikanischen Science-Fiction-Großmeister und Zukunfts-Propheten interviewt und mit ihm über seine Comic-Prägung, die neue nukleare Gefahr, den technologischen Fortschritt, die geplanten Adaptionen seiner Werke und seine Tipps für das Leben in unseren unruhigen Zeiten gesprochen.

Hier geht’s zum Interview.

Tom Gauld: Baking with Kafka

September 4th, 2017
Tom Gauld: Baking with Kafka, Drawn & Quarterly 2017

Tom Gauld: Baking with Kafka, Drawn & Quarterly 2017

Nach »You’re All Just Jealous Of My Jetpack« aus dem Jahr 2013 ist nun endlich ein neuer Best-of-Band mit den brillanten, geistreichen Comicstrips des schottischen Cartoonisten Tom Gauld erschienen. Die meisten zeichnerisch stark vereinfachten und reduzierten Einseiter in »Baking with Kafka« stammen aus dem »Guardian«, ein paar aber auch aus dem »New Yorker« und der »New York Times« – und es ist in jedem Fall immer wieder beeindruckend, wie wenig der 1972 geborene Gauld braucht, um viel Gehalt, Hintersinn und Witz in seine wirkungsvollen Comic-Gags zu packen.

In denen widmet er sich der klassischen Literatur, der Geschichte, dem Schreiben, Lesen und Publizieren, der Leidenschaft für Bücher, der Entwicklung zu E-Readern, der Fantasy, James Bond, und natürlich der Science-Fiction und der Zukunft: Zeitreisenden Historikern, den nicht erfolgreichen Kinderbüchern von J. G. Ballard, der Verbindung zwischen der Feen-Wiederansiedlung in 2014 und der Drachenplage in 2023, dystopischen Straßenschildern, Smartphones in »MacBeth«, »Robinson Crusoe« und »Dracula«, der Skelett-Apokalypse, einem Regenspaziergang im fernen Jahr 2513, den Nano-Bibliotheken von Morgen, Gedenk-Tellern zur Marsianer-Invasion von 1894, David Bowies vergessenen Sachbüchern, nostalgischen Robotern nach der Versklavung aller Menschen, und den sozialen Schichten im 25. Jahrhundert. Außerdem schickt er Odin mit Neil Gaiman auf Buch-Tour, um ein paar Internet-Trolle zu erledigen …

Tom Gauld gehört zu den besten Cartoonisten, die wir derzeit haben. »Baking with Kafka« ist – wie schon »You’re All Just Jealous Of My Jetpack« – ein Must-Have und ein wunderbarer, schlichtweg genialer Comicstrip-Sammelband für alle, die Literatur wie die Luft zum Atmen brauchen, auf der Geek- und Genre-Seite des Lebens zuhause sind und eine ordentliche Portion intelligenten Humor zu schätzen wissen.

Übrigens ziert ein Umschlagbild von Tom Gauld das gerade erschienene, ebenfalls sehr lesenswerte Buch »Die sechs Freiheitsgrade« des kanadischen Romanciers Nicolas Dickner.

Galaktisches Götterschwert

August 30th, 2017
God Country TPB, Image, 2017

God Country TPB, Image, 2017

Dieser Tage hätte der King of Comics Jack Kirby (1917–1994), der die neunte Kunst und das frühe Marvel-Universum massiv beeinflusste und prägte, seinen 100. Geburstag gefeiert. Der folgende neue Comic hätte ihm sicher gefallen …

In ihrer Miniserie »God Country«, die seit Anfang August als Komplett-Sammelband auf Englisch vorliegt, erzählen Autor Donny Cates (»Redneck«), Zeichner Geoff Shaw (»A Town Called Dragon«) und Kolorist Jason Wordie (»Penny Dreadful«) die Geschichte des kranken alten Mannes Emmett Quinlan. Die Familie seines Sohnes droht an Emmets Alzheimer und seinen boshaften Eskapaden zu zerbrechen. Bis eines Tages ein gewaltiger magischer Tornado über West-Texas hinwegfegt, der Emmet zum Träger des riesigen Schwertes Valofax macht – dem denkenden, fühlenden, sprechenden Schwert aller Schwerter, das die Essenz jedes Schwertes ist, das in Zeit und Raum jemals geschwungen wurde oder gerade geschwungen wird. Geschmiedet wurde es im Feuer einer sterbenden außerirdischen Welt, und zwar vom galaktischen Gott der Könige und Herrn der Ewigkeit. Der will seine mächtige Klinge wiederhaben – doch Emmett, dessen Krankheit kein Thema mehr ist, solange er Valofax hält, denkt gar nicht dran, die außergewöhnliche Klinge herzugeben. Was neue Probleme für die leidgeplagten Quinlans bringt.

Die packende Science-Fantasy-Geschichte, die Cates und Shaw inszenieren, erinnert an die Besten der Besten: An Jack Kirby und seine kosmischen Gottheiten in den Universen von Marvel und DC; die Inkarnationen der ewigen Champions und die beseelten Klingen im Schaffen von Genre-Legende Michael Moorcock; Jason Aaron und Joe R. Lansdale und die sturmerprobte Südstaaten-Stimmung in ihren Werken; und nicht zuletzt an Mark Millar und den Schwung seiner frechen Comic-Storys, in denen das Übernatürliche und das Übermenschliche gern das Reale überrollen und die Figuren doch immer in der Wirklichkeit geerdet bleiben. Das hat im Fall von »God Country« viel Herz und Wucht, trifft genau den passenden Ton zwischen Epik und Emotionen, ist großartig gezeichnet und koloriert, und kommt am Ende überdies exakt auf die richtige Länge und Tiefe, die so eine Story braucht, aber auch verträgt.

Eine feine Klinge, dieser Comic. Als nächstes kümmern sich Cates und Shaw um die Soloserie von Marvels verrückten – kosmischen – Titanen Thanos, der in den kommenden Avengers-Filmen eine noch größere Rolle spielt als bisher.

Japanischer Grabräuber

August 3rd, 2017
Gou Tanabe: H. P. Lovecraft's The Hound and Other Stories, Dark Horse 2017

Gou Tanabe: H. P. Lovecraft’s The Hound and Other Stories, Dark Horse 2017

Seit einigen Jahren veröffentlicht der japanische Comic-Künstler Gou Tanabe in den Manga-Magazinen seiner Heimat schwarz-weiße Panel-Adaptionen der klassischen Weird-Fiction- und Horror-Geschichten des großen H. P. Lovecraft. Auf Englisch ist bei Hellboys US-Heimatverlag Dark Horse unter dem Titel »H. P. Lovecraft’s The Hound and Other Stories« gerade ein erster Taschenbuch-Sammelband mit drei dieser Comic-Storys erschienen, der die Tanabe-Interpretationen von Lovecrafts Erzählungen »Der Tempel« (1920), »Der Hund« (1924) und »Stadt ohne Namen« (1921) enthält.

Das Storytelling der thematisch sinnig zusammengestellten, durchaus überraschenden Grabräuber-Geschichten, welche die Legende von Atlantis ebenso anzapfen wie den Cthulhu-Mythos, ist nicht immer perfekt oder leicht zu durchschauen. Dafür überzeugt Tanabes Gespür für Lovecrafts typische Stimmung und den überdimensionierten, überirdischen Schrecken, die der Genre-Altmeister aus Providence in seinem einflussreichen Schaffen so gekonnt beschworen hat, und die auch der 1975 geborene Tanabe in seinen Manga-Fassungen sehr gut einfängt. Positiv kommt hinzu, dass die ausgewählten Storys über eine deutsche U-Boot-Besatzung, englische Grabräuber in Holland und einen Schatzsucher in der arabischen Wüste keine der üblichen Verdächtigen sind, wenn es um Lovecraft-Adaptionen geht.

Laut Nachwort von »H. P. Lovecraft’s The Hound and Other Stories« sollen bald schon weitere Bände folgen, und eigentlich gibt es zwischen Schreiber & Leser, Cross Cult und Carlsen mittlerweile mehr als genug dem Manga zugeneigte Verlage in Deutschland, die sich Gou Tanabes Lovecraft-Huldigungen mal ansehen könnten.

Fanboy-Paradies

Juni 12th, 2017

Highlight für den Comic-Enthusiasten und »Strangers in Paradise«-Verehrer: Der großartige US-Künstler Terry Moore, der dieses Jahr auf dem Comic Festival in München war, hat mir einen Band der deutschen Ausgabe seiner grandiosen Comic-Seifenoper, den hintendrauf sogar ein Blurb von mir ziert, signiert und mit einem Sketch der hinreißenden Katchoo versehen, an die ich schon vor langer Zeit mein Fanboy-Herz verloren habe. Und immer dran denken: Ohne Liebe – und ohne Katchoo – wären wir alle nur Fremde im Paradies …

Katchoo-Sketch von Terry Moore, Strangers in Paradise, Schreiber & Leser 2014

SiP: Katchoo von Terry Moore

 

Neu:

Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen

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