Interview mit William Gibson

September 21st, 2017
William Gibson, Butch Guice u. a.: Archangel, Cross Cult 2017

William Gibson, Butch Guice u. a.: Archangel, Cross Cult 2017

William »Neuromancer« Gibson?

Eine lebende Science-Fiction-Legende.

Bei Cross Cult ist vor Kurzem die deutsche Ausgabe seines ersten originären Comics »Archangel« erschienen.

Ursprünglich sollte der Zeitreise/Alternativwelten-Stoff über den Zweiten Weltkrieg, der einige Parallelen zu Gibsons Roman »Peripherie« aufweist, eine TV-Serie werden. Am Ende setzten Michael Benedetto, Butch Guice und Al Barrionuevo die Geschichte, die sich Gibson zusammen mit seinem Schauspieler-Kumpel Michael St. John Smith ausgedacht hat, in Panel-Form um.

Zum Release des deutschsprachigen Komplettbandes habe ich den amerikanischen Science-Fiction-Großmeister und Zukunfts-Propheten interviewt und mit ihm über seine Comic-Prägung, die neue nukleare Gefahr, den technologischen Fortschritt, die geplanten Adaptionen seiner Werke und seine Tipps für das Leben in unseren unruhigen Zeiten gesprochen.

Hier geht’s zum Interview.

Tom Gauld: Baking with Kafka

September 4th, 2017
Tom Gauld: Baking with Kafka, Drawn & Quarterly 2017

Tom Gauld: Baking with Kafka, Drawn & Quarterly 2017

Nach »You’re All Just Jealous Of My Jetpack« aus dem Jahr 2013 ist nun endlich ein neuer Best-of-Band mit den brillanten, geistreichen Comicstrips des schottischen Cartoonisten Tom Gauld erschienen. Die meisten zeichnerisch stark vereinfachten und reduzierten Einseiter in »Baking with Kafka« stammen aus dem »Guardian«, ein paar aber auch aus dem »New Yorker« und der »New York Times« – und es ist in jedem Fall immer wieder beeindruckend, wie wenig der 1972 geborene Gauld braucht, um viel Gehalt, Hintersinn und Witz in seine wirkungsvollen Comic-Gags zu packen.

In denen widmet er sich der klassischen Literatur, der Geschichte, dem Schreiben, Lesen und Publizieren, der Leidenschaft für Bücher, der Entwicklung zu E-Readern, der Fantasy, James Bond, und natürlich der Science-Fiction und der Zukunft: Zeitreisenden Historikern, den nicht erfolgreichen Kinderbüchern von J. G. Ballard, der Verbindung zwischen der Feen-Wiederansiedlung in 2014 und der Drachenplage in 2023, dystopischen Straßenschildern, Smartphones in »MacBeth«, »Robinson Crusoe« und »Dracula«, der Skelett-Apokalypse, einem Regenspaziergang im fernen Jahr 2513, den Nano-Bibliotheken von Morgen, Gedenk-Tellern zur Marsianer-Invasion von 1894, David Bowies vergessenen Sachbüchern, nostalgischen Robotern nach der Versklavung aller Menschen, und den sozialen Schichten im 25. Jahrhundert. Außerdem schickt er Odin mit Neil Gaiman auf Buch-Tour, um ein paar Internet-Trolle zu erledigen …

Tom Gauld gehört zu den besten Cartoonisten, die wir derzeit haben. »Baking with Kafka« ist – wie schon »You’re All Just Jealous Of My Jetpack« – ein Must-Have und ein wunderbarer, schlichtweg genialer Comicstrip-Sammelband für alle, die Literatur wie die Luft zum Atmen brauchen, auf der Geek- und Genre-Seite des Lebens zuhause sind und eine ordentliche Portion intelligenten Humor zu schätzen wissen.

Übrigens ziert ein Umschlagbild von Tom Gauld das gerade erschienene, ebenfalls sehr lesenswerte Buch »Die sechs Freiheitsgrade« des kanadischen Romanciers Nicolas Dickner.

Galaktisches Götterschwert

August 30th, 2017
God Country TPB, Image, 2017

God Country TPB, Image, 2017

Dieser Tage hätte der King of Comics Jack Kirby (1917–1994), der die neunte Kunst und das frühe Marvel-Universum massiv beeinflusste und prägte, seinen 100. Geburstag gefeiert. Der folgende neue Comic hätte ihm sicher gefallen …

In ihrer Miniserie »God Country«, die seit Anfang August als Komplett-Sammelband auf Englisch vorliegt, erzählen Autor Donny Cates (»Redneck«), Zeichner Geoff Shaw (»A Town Called Dragon«) und Kolorist Jason Wordie (»Penny Dreadful«) die Geschichte des kranken alten Mannes Emmett Quinlan. Die Familie seines Sohnes droht an Emmets Alzheimer und seinen boshaften Eskapaden zu zerbrechen. Bis eines Tages ein gewaltiger magischer Tornado über West-Texas hinwegfegt, der Emmet zum Träger des riesigen Schwertes Valofax macht – dem denkenden, fühlenden, sprechenden Schwert aller Schwerter, das die Essenz jedes Schwertes ist, das in Zeit und Raum jemals geschwungen wurde oder gerade geschwungen wird. Geschmiedet wurde es im Feuer einer sterbenden außerirdischen Welt, und zwar vom galaktischen Gott der Könige und Herrn der Ewigkeit. Der will seine mächtige Klinge wiederhaben – doch Emmett, dessen Krankheit kein Thema mehr ist, solange er Valofax hält, denkt gar nicht dran, die außergewöhnliche Klinge herzugeben. Was neue Probleme für die leidgeplagten Quinlans bringt.

Die packende Science-Fantasy-Geschichte, die Cates und Shaw inszenieren, erinnert an die Besten der Besten: An Jack Kirby und seine kosmischen Gottheiten in den Universen von Marvel und DC; die Inkarnationen der ewigen Champions und die beseelten Klingen im Schaffen von Genre-Legende Michael Moorcock; Jason Aaron und Joe R. Lansdale und die sturmerprobte Südstaaten-Stimmung in ihren Werken; und nicht zuletzt an Mark Millar und den Schwung seiner frechen Comic-Storys, in denen das Übernatürliche und das Übermenschliche gern das Reale überrollen und die Figuren doch immer in der Wirklichkeit geerdet bleiben. Das hat im Fall von »God Country« viel Herz und Wucht, trifft genau den passenden Ton zwischen Epik und Emotionen, ist großartig gezeichnet und koloriert, und kommt am Ende überdies exakt auf die richtige Länge und Tiefe, die so eine Story braucht, aber auch verträgt.

Eine feine Klinge, dieser Comic. Als nächstes kümmern sich Cates und Shaw um die Soloserie von Marvels verrückten – kosmischen – Titanen Thanos, der in den kommenden Avengers-Filmen eine noch größere Rolle spielt als bisher.

Japanischer Grabräuber

August 3rd, 2017
Gou Tanabe: H. P. Lovecraft's The Hound and Other Stories, Dark Horse 2017

Gou Tanabe: H. P. Lovecraft’s The Hound and Other Stories, Dark Horse 2017

Seit einigen Jahren veröffentlicht der japanische Comic-Künstler Gou Tanabe in den Manga-Magazinen seiner Heimat schwarz-weiße Panel-Adaptionen der klassischen Weird-Fiction- und Horror-Geschichten des großen H. P. Lovecraft. Auf Englisch ist bei Hellboys US-Heimatverlag Dark Horse unter dem Titel »H. P. Lovecraft’s The Hound and Other Stories« gerade ein erster Taschenbuch-Sammelband mit drei dieser Comic-Storys erschienen, der die Tanabe-Interpretationen von Lovecrafts Erzählungen »Der Tempel« (1920), »Der Hund« (1924) und »Stadt ohne Namen« (1921) enthält.

Das Storytelling der thematisch sinnig zusammengestellten, durchaus überraschenden Grabräuber-Geschichten, welche die Legende von Atlantis ebenso anzapfen wie den Cthulhu-Mythos, ist nicht immer perfekt oder leicht zu durchschauen. Dafür überzeugt Tanabes Gespür für Lovecrafts typische Stimmung und den überdimensionierten, überirdischen Schrecken, die der Genre-Altmeister aus Providence in seinem einflussreichen Schaffen so gekonnt beschworen hat, und die auch der 1975 geborene Tanabe in seinen Manga-Fassungen sehr gut einfängt. Positiv kommt hinzu, dass die ausgewählten Storys über eine deutsche U-Boot-Besatzung, englische Grabräuber in Holland und einen Schatzsucher in der arabischen Wüste keine der üblichen Verdächtigen sind, wenn es um Lovecraft-Adaptionen geht.

Laut Nachwort von »H. P. Lovecraft’s The Hound and Other Stories« sollen bald schon weitere Bände folgen, und eigentlich gibt es zwischen Schreiber & Leser, Cross Cult und Carlsen mittlerweile mehr als genug dem Manga zugeneigte Verlage in Deutschland, die sich Gou Tanabes Lovecraft-Huldigungen mal ansehen könnten.

Fanboy-Paradies

Juni 12th, 2017

Highlight für den Comic-Enthusiasten und »Strangers in Paradise«-Verehrer: Der großartige US-Künstler Terry Moore, der dieses Jahr auf dem Comic Festival in München war, hat mir einen Band der deutschen Ausgabe seiner grandiosen Comic-Seifenoper, den hintendrauf sogar ein Blurb von mir ziert, signiert und mit einem Sketch der hinreißenden Katchoo versehen, an die ich schon vor langer Zeit mein Fanboy-Herz verloren habe. Und immer dran denken: Ohne Liebe – und ohne Katchoo – wären wir alle nur Fremde im Paradies …

Katchoo-Sketch von Terry Moore, Strangers in Paradise, Schreiber & Leser 2014

SiP: Katchoo von Terry Moore

 

Erschienen: Exodus #36

Juni 2nd, 2017
Exodus #36, Juni 2017

Exodus #36, Juni 2017

Die 36. Ausgabe des Science-Fiction-Magazins »Exodus« ist soeben erschienen – diesmal sogar mit limitiertem Variantcover!

Im Themenband »Die phantastische Bibliothek« werden der 90. Geburtstag des berühmten deutschsprachigen SF-Autors Herbert W. Franke sowie das 30-jährige Jubiläum der phantastischen Bibliothek in Wetzlar gefeiert.

Franke gratulieren mit Texten u. a. Andreas Eschbach, Andreas Brandhorst, Frank Schätzing und Horst Illmer, der phantastischen Bibliothek wiederum Herbert W. Franke, Klaus N. Frick und Boris Koch.

Ich habe mit »Wölfe lesen nicht« eine postapokalyptische Kurzgeschichte zur feierlichen Nummer beigetragen.

Die Illustration zur Story, die es unter dem Beitrag zu sehen gibt und die sich gut neben »Crazy Wolf« macht, stammt von Meike Schultchen, die auch das reguläre Cover-Motiv der Ausgabe erschaffen hat.

Hier findet sich ein vollständiger Blick ins Inhaltsverzeichnis des am aufwendigsten gestalteten deutschsprachigen Magazins für Story und Illustration mit Schwerpunkt Science Fiction, das wie gewohnt im A4-Format daherkommt und diesmal mit stattlichen 146 Seiten aufwarten kann.

Illustration: Wölfe lesen nicht (Meike Schultchen)

Illustration: Wölfe lesen nicht (Meike Schultchen)

Denis Johnson (1949–2017)

Mai 27th, 2017
Denis Johnson: Jesus' Sohn, Rowohlt, 2007

Denis Johnson: Jesus’ Sohn, Rowohlt, 2007

Der deutsch-amerikanische Schriftsteller Denis Johnson ist im Alter von 67 Jahren gestorben.

Bei dieser Schlagzeile hat’s mich heute Morgen kurz geschüttelt. Nicht, weil ich ein langjähriger Bewunderer gewesen wäre, im Gegenteil, sondern weil ich just letzte Woche zum ersten Mal überhaupt etwas von ihm gelesen habe – nämlich seine berühmte Kurzgeschichtensammlung »Jesus’ Sohn«, die auch verfilmt worden ist, und die mich ziemlich beeindruckt hat.

Das Mängelexemplar der deutschen Hardcover-Ausgabe (ich weiß nicht mal mehr, wo ich’s mitgenommen habe, oder wann) lag ewig und drei Tage hier herum und fiel mir bei jedem Umräumen oder Neusortieren der Stapel ungelesener Bücher – jedes Mal von einer weiteren Schicht Staub bedeckt – in die Hände.

Vergangene Woche hatte ich von der Arbeitslektüre her mal ein bisschen Luft, wollte jedoch keinen Roman anfangen, und da lag die Sammlung zufälligerweise wieder ganz oben auf einem kürzlich umgesiedelten, provisorisch errichteten Buchstapel; also hab ich kurzerhand die Staubschichten abgewischt und einfach vor dem Schlafengehen immer drei, vier Storys gelesen.

Johnsons episodenhafte Junkie/Krimi-Kurzgeschichten in »Jesus’ Sohn« haben fast 25 Jahre auf dem Buckel und wollen in ihrer Abgefahrenheit eigentlich gar nicht vollständig Sinn ergeben. Trotzdem sind sie ganz fein geschrieben und genüsslich zu lesen, selbst wenn man sie nie ganz ergründen kann oder sortiert kriegt in ihrer Chronologie und Sprunghaftigkeit.

 

Erschienen: c’t 11/17 mit meiner Story »Lufthoheit«

Mai 16th, 2017
c't 11/17, Heise Zeitschriften Verlag

c’t 11/17, Heise Zeitschriften Verlag

In der gerade frisch erschienen Ausgabe #11/17 der c’t (c’t – magazin für computer technik) wurde meine Science-Fiction-Kurzgeschichte Lufthoheit veröffentlicht.

Die c’t, die es seit 1983 gibt, gilt als eine der auflagenstärksten und einflussreichsten Computerfachzeitschriften in Deutschland.

Sie erscheint alle 14 Tage gedruckt und digital im Heise Zeitschriften Verlag in Hannover (und ja, die Website heise.de, wo jeder mündige Netznutzer wenigstens einmal am Tag vorbei surfen sollte, gehört dazu).

Meine Story ist eine Krimi-Geschichte über einen Cop aus dem Drohnen-Dezernat. In der nahen Zukunft, in der Drohnen in jeder Hinsicht immer mehr öffentlichen, polizeilichen und strafrechtlichen Raum einnehmen, bekommen Detective Shalvey und eine Partnerin es mit einer ungewöhnlichen Raubserie zu tun, bei der sie lange im Dunkeln tappen. Denn irgendjemand erleichtert Lieferdrohnen von Apotheken, Online-Juwelieren und anderem um ihre Fracht …

Die Illustration zur Geschichte stammt von Michael Thiele aus Dortmund:

Illustration: Lufthoheit (Michael Thiele)

Illustration: Lufthoheit (Michael Thiele)

Bernie Wrightson (1948–2017)

März 19th, 2017
Swamp Thing by Bernie Wrightson

Swamp Thing by Bernie Wrightson

Der legendäre amerikanische Comic- und Horror-Künstler Bernie Wrightson ist seiner schweren Krankheit erlegen und im Alter von 68 Jahren verstorben.

Kennengelernt habe ich ihn als Mitschöpfer von Swamp Thing, und letztlich war der Meister des Makabren mit dem unverkennbaren Pinselstrich und Federstich der erste echte Lieblingskünstler, den ich am Anfang meiner Comic-Leidenschaft hatte.

Mithilfe von eBay habe ich mir in einem begeisterten, fast etwas manischen Sommer alle möglichen Artbooks, Comics und Bücher mit seinem genialen Artwork besorgt. »Freak Show«, »Schnitter der Liebe«, ein »Frankenstein«-Portfolio, und natürlich die Wrightson-Bibel »A Look Back«, die damals ewig gebraucht hat, bis sie aus Kanada bei mir war …

Irgendwo um mich ist seither immer etwas von ihm gewesen. Diverse der eben genannten Bände im Regal genau hinter meinem Schreibtisch im Arbeitszimmer – und auf den vielen Lesestapeln ringsum kann ich von hier aus einen dicken US-Sammelband mit all seinen »Swamp Thing«-Storys ausmachen, den ich schon vor Wochen zum Wiedermallesen rausgelegt habe, und eine großformatige Schwarz-Weiß-Ausgabe seines Spätwerks »The Ghoul«.

Danke für alles, Mr. Wrightson.

 

Guy Delisle: Geisel

März 18th, 2017
Guy Delisle: Geisel, Reprodukt 2017

Guy Delisle: Geisel, Reprodukt 2017

Im Jahre 1997 wurde der Franzose Christophe André, der für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen im Kaukasus tätig war, mitten in der Nacht aus einem Haus entführt und verschleppt. Mehr als drei Monate verbrachte er als Geisel tschetschenischer Separatisten, wobei er einen Großteil der Zeit mit Handschellen in einen kargen Raum ohne Fenster gefesselt war.

In seiner neuesten Comic-Reportage »Geisel«, die gerade bei Reprodukt auf Deutsch erschienen ist und fort geht vom autobiografischen Konzept seiner letzten erfolgreichen Panel-Werke, nutzt der international gefeierte Kanadier Guy Delisle über 400 stark dekomprimierte Seiten, um aufgrund von Gesprächen mit André dessen Geschichte nachzuerzählen und seine Zeit als Geisel zu schildern.

Das Ergebnis ist ein wahrer Klotz von einem Comic mit eher reduzierten Darstellungen und einer unheimlich dichten Geschichte über Monotonie, Unwissenheit, Isolation, Klaustrophobie, Hilflosigkeit, Demütigung, Zweifel und das Spiel mit der Hoffnung; eine eindringliche und fesselnde Bildergeschichte, die erst lange von ihrer meisterhaften Beherrschung des grafischen Mediums sowie ihrer Intimität und Intensität lebt, und am Ende dann von ihrer Spannung.

Neu:

Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen

Backlist:
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