Tommi Musturi: Sozusagen Samuel

Januar 17th, 2017
Tommi Musturi: Sozusagen Samuel, Reprodukt 2016

Tommi Musturi: Sozusagen Samuel, Reprodukt 2016

Nach »Unterwegs mit Samuel« von 2010 schickt der finnische Künstler Tommi Musturi sein merkwürdiges Geisterwesen in »Sozusagen Samuel« ein weiteres Mal auf eine mächtig assoziative, nur bedingt packende Reise.

In deren immer seltsamen und stummen, öfter sogar mal sexuellen Episoden scheint Musturi vor allem die darstellerischen Möglichkeiten des wortlosen Comic-Storytellings in alle Richtungen auszuloten und auszuprobieren. Frei nach dem Motto: Was könnte man denn heute Verrücktes zeichnen, und zerknetet man dabei die Zeit, den Raum, die Fantasie, das Narrative, oder am Besten gleich alles zusammen?

Ein merkwürdiger, bizarr-bunter Comic-Trip aus dem Heimatland der trolligen Mumins, auf dem Samuel zeitweise sogar von Tims treuem vierbeinigen Gefährten Struppi begleitet wird.

Echt eigenartig. Sozusagen.

Bruce Sterling: Pirate Utopia

Januar 11th, 2017
Bruce Sterling: Pirate Utopia, Tachyon Publications 2016

Bruce Sterling: Pirate Utopia, Tachyon Publications 2016

Seit einigen Jahren lebt der 1954 geborene Amerikaner Bruce Sterling, der neben William Gibson zu den Pionieren des Cyberpunk gehört, im texanischen Austin, im kroatischen Belgrad und im italienischen Turin. In seiner Novelle »Pirate Utopia«, die mit einem Vorwort von Warren Ellis als Hardcover und E-Book bei Tachyon Publications erschienen ist, wendet Sterling sich also ganz bewusst der Italienischen Regentschaft am Quarnero bzw. dem Freistaat Fiume zu, der in den 1920ern nach dem Ersten Weltkrieg kurzzeitig existierte.

Sterling macht ihn in seinem Alternativwelt-Szenario zu einem Utopia für Futuristen, die an eine neue sozialistische Weltordnung für das 20. Jahrhundert glauben und sie am liebsten allein mit ihrer Kunst und ihren Gedichten heraufbeschwören würden. Nur wenige – wie der Piraten-Ingenieur Lorenzo Secondari – wissen, dass es für solche Kursänderungen Torpedos braucht, die idealerweise fliegen, und am Besten noch tödliche F-Strahlen.

Dabei präsentiert das von Michael Moorcock, Nick Mamatas, Lavie Tidhar, James Morrow, Alastair Reynolds und anderen Genre-Größen in höchsten Tönen gelobte »Pirate Utopia« eine Art Dieselpunk-Parallelwelt: Adolf Hitler wird in einem Nebensatz gekillt, H. P. Lovecraft und Robert E. Howard arbeiten für den amerikanischen Oberspion/Bühnenmagier Harry Houdini und werben für das Manhattan Project, und auch sonst ist alles ganz kurios. Nie hundertprozentig zwingend, aber immer kurios, und immer mächtig ironisch.

Den Schlüssel zur Geschichte gibt es allerdings erst im Anhang, der aus einem Nachwort des Autors und Redakteurs Christopher Brown, einer Nachbemerkung des treffsicheren Illustrators John Coulthart und vor allem einem langem Interview mit Bruce Sterling selbst besteht. In diesem Interview ordnet er »Pirate Utopia« als seinen umfeldbedingten Beitrag zum italienischen Sujet der fantascienza ein – und als allegorische Warnung, die im grotesk verzerrten Spiegelbild der Alternativwelt und der Alternate History zeigen soll, wie sehr die heutige Politik ihren Bezug zur Wirklichkeit verloren hat, wie leicht sich extreme politische Ideologien vermischen können, und wie heftig die Menschen nach individuellen Lebensmodellen und Lösungen suchen.

Kein einfaches Buch, sogar ein äußerst merkwürdiges Buch, aber auch ein unbestreitbar außergewöhnliches und cooles, herrlich durchgestyltes Buch, das besonders als Hardcover einiges hermacht.

Crossover-Time: Dick Tracy & The Spirit

Januar 3rd, 2017
Calling Dick Tracy! Vol. 1, Tribune Media Services 2013

Calling Dick Tracy! Vol. 1, Tribune Media Services 2013

Chester Goulds Polizist Dick Tracy debütierte  bereits 1931 in seinem eigenen Zeitungscomicstrip, dessen Einfluss nicht unterschätzt werden darf.

Will Eisners maskierter Detektiv Spirit, der 1940 in einer Zeitungsbeilage seinen ersten Auftritt hinlegte, war künstlerisch und handwerklich indes so fortschrittlich, dass er das Comic-Medium bis heute beeinflusst.

Sowohl die retrofuturistischen Fälle des Spirits als auch die Ermittlungen von Dick Tracy wurden im Laufe der Jahrzehnte von anderen Künstlern als ihren Schöpfern gestaltet.

Um die täglichen Zeitungsabenteuer von Dick Tracy kümmern sich seit dem 14. März 2011 so etwa Zeichner Joe Staton und Autor Mike Curtis, die ihren Vorgänger Dick Locher nach 32 Jahren am längsten fortlaufenden Comicstrip der Welt ablösten. Für ihre Strips mit dem Schnüffler im markanten gelben Trenchcoat, die in »Calling Dick Tracy Vol. 1« übrigens im ersten rein digitalen Franchise-Sammelband überhaupt zusammengetragen worden sind, wurden Staton und Curtis inzwischen mit drei Harvey Awards ausgezeichnet.

Am 21. Dezember leiteten die beiden in ihrem »Dick Tracy«-Comicstrip nun sogar ein Crossover zwischen Chester Goulds ikonischem Titelhelden und dem nicht minder ikonischen Spirit von Will Eisner in die Wege, das seit 27. Dezember das Geschehen im Strip in den Zeitungen und im Netz beherrscht.

Noch lässt sich nicht allzu viel über die Story um eine angeblich unsterbliche Femme fatale oder ihre anvisierte Länge sagen, dennoch darf man durchaus jeden Tag gespannt und voller Vorfreude drauf klicken und schauen, was für ein Abenteuer sich Strip für Strip für die beiden Comic-Ikonen entwickelt. Kein so übler Start ins neue Jahr …

Richard Adams (1920–2016) – mit Interview

Dezember 28th, 2016
Richard Adams: »Unten am Fluss – Watership Down«, List, 2012

Richard Adams: »Unten am Fluss – Watership Down«, List, 2012

An Heiligabend ist der Engländer Richard Adams, Autor von »Watership Down«, »Die Hunde des schwarzen Todes«, »Shardik«, »Traveller« und anderen großen Werken der Tierfantasy, im Alter von 96 Jahren verstorben.

Vor allem seine beiden Kaninchen-Bücher – den weltberühmten Roman und das weniger bekannte, jedoch ebenfalls sehr charmante Kurzgeschichtensammlungs-Sequel – habe ich früher unglaublich gerne gelesen. Eine Zeitlang habe ich Adams’ Bücher sogar regelrecht antiquarisch gejagt und u. a. schöne Ausgaben seines Kinderbuches »Die Reise der beiden Tiger« und der illustrierten Märchensammlung »Der eiserne Wolf und andere Geschichten« zusammengetragen.

Darüber hinaus habe ich Mr. Adams vor mehr als zehn Jahren für das Magazin »Phase X« interviewt. War eine witzige Geschichte: Kurz vor Redaktionsschluss und Druck, als das Interview eigentlich schon als gescheitert abgehakt war, meldete sich mit einiger Verspätung dann doch noch die deutsche Agentur, übermittelte die Fragen auf dem klassischem Postweg, und die Antworten kamen dann hier bei mir an.

Nachdem ich eben umsonst ein paar Archiv-Kisten durchwühlte, kam mir in den Sinn, mal in die Adams-Bücher im Regal zu schauen, und tatsächlich, im Schutzumschlag von »Shardik« steckten die kopierten Seiten:

Signatur Richard Adams

Auf einer alten Back-up-Platte habe ich außerdem die Druck-PDFs des Interviews aus »Phase X #2« aufgestöbert und in ein Word-Dokument transferiert – ich glaube, ich habe die Übersetzung damals direkt in InDesign ins Layout getippt, um das ich mich die ersten Ausgaben noch selbst kümmerte.

Nachfolgend die leicht gekürzte Textversion des Interviews aus dem Sommer 2006, dessen Übersetzung nicht perfekt war, aber keine allzu großen körperlichen Schmerzen verursachen sollte:

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Chuck Palahniuk: Jetzt bist du dran!

Dezember 18th, 2016
Chuck Palahniuk: Jetzt bist du dran!, Festa, 2016

Chuck Palahniuk: Jetzt bist du dran!, Festa 2016

Hierzulande erschien von US-Autor Chuck Palahniuk, der die anarchistische Buchvorlage zum gut gealterten Kultfilm »Fight Club« schrieb, zuletzt lediglich die wirre Comic-Fortsetzung zu seinem bekanntesten Werk. Nun aber gibt es endlich mal wieder ein neues Buch von Palahniuk auf Deutsch: Bei Festa kam als Auftaktband der neuen Reihe Must Read Palahniuks Kurzgeschichtensammlung »Jetzt bist du dran! Unvergessbare Geschichten« als E-Book und als toll aufgemachtes Hardcover mit Blickfang-Cover heraus.

Die über 20 Storys sind typisch Palahniuk und auch für den – sicherlich reinhauenden – Erstkontakt geeignet. Bei aller Themenvielfalt haben die heftigen eigenständigen Kurzgeschichten und die lose miteinander verknüpften modernen Tierfabeln im Band eines gemeinsam: Der 1962 geborene Mr. Palahniuk drischt wie gewohnt mit der zynischen Keule auf die moderne Gesellschaft und den Zeitgeist drauf. Entsprechend krass, drastisch, tabulos, fies, ekelig und ungebremst sind seine Storys über Defibrillator-Zombies, mörderische Burning-Festivals, verseuchten Körperschmuck oder rassistische Callcenter-Anrufe.

Trotz zahlreicher Grenzüberschreitungen, die zu seiner schreiberischen Identität und seinem Sound dazugehören, haben die Erzählungen des Amerikaners jedoch stets eine hohe handwerkliche Qualität und literarische Güte.

»Jetzt bist du dran!« ist als sehr ordentliche Übersetzung von „Make Something Up: Stories You Can’t Unread“ aus dem Jahre 2015 eine deutsche Erstveröffentlichung – und eine richtig coole und lesenswerte Sammlung.

Tyler Cross: Angola

Dezember 15th, 2016
Tyler Cross: Angola, Carlsen 2016

Tyler Cross: Angola, Carlsen 2016

Hierzulande kennt man den französischen Szenaristen Fabien Nury in erster Linie für seine Kriegs-Comics »Es war einmal in Frankreich« und »Ich bin Legion« sowie für »Atar Gull«, in dem Nury und Zeichner Brüno vom Schicksal eines Sklaven im frühen 19. Jahrhundert erzählten.

In ihrer Serie »Tyler Cross« haben die beiden sich mittlerweile dem titelgebenden Gangster gewidmet. Schon das erste großformatige Album ließ das Herz jedes Krimi-Fans höher schlagen, und der zweite Band »Tyler Cross: Angola« kommt erneut als exzellent arrangierter Noir-Comic daher.

Diesmal wird Cross von seinen Komplizen betrogen und fährt in Angola ein, dem auch als The Farm bekannten, für seine Härte und Korruption berüchtigten Knast im sumpfigen Süden der USA. Zwischen Mr. Cross, seiner Freiheit und seiner Rache stehen verknackte Mobster, die ihn tot sehen wollen, und brutale Aufseher mit scharfen Frauen und Hunden.

Nury trifft den Ton dieser Gattung Gangster-Krimi perfekt, und die visuelle Stilisierung durch Brüno ist ebenso genial wie die durchdachte Kolorierung der fantastischen Laurence Croix. Besser kann man so eine Geschichte nicht inszenieren! Wer die Parker-Krimis von Richard Stark alias Donald Westlake und ihre Adaptionen durch den schmerzlich vermissten Darwyn Cooke schätzt, ist bei Tyler Cross genau richtig.

Das begeisternde zweite Album verstünde man übrigens sogar ohne den ersten Band, doch den möchte man hinterher keinesfalls missen, also lieber gleich in der richtigen Reihenfolge lesen und genießen.

Rachel Rising 7: Das Finale

Dezember 12th, 2016
Rachel Rising 7, Schreiber & Leser 2016

Rachel Rising Bd. 7, Schreiber & Leser 2016

Terry Moores »Rachel Rising« ist nicht nur eine geradezu abartig gut gezeichnete Horror-Serie in stilsicherem Schwarz-Weiß, sondern auch eine ziemlich verrückte inhaltliche Mischung.

Im finalen siebten Band des ungewöhnlichen Kleinstadt-Horrorschockers bleibt Moore seiner bisherigen Schlangenlinie treu und bringt die Handlungsstränge um Lilith, den Dämon Malus, die untote Rachel und deren perversen Mörder alles in allem ein wenig unspektakulär zu Ende. Kurz vor dem doppelten Showdown hat er sogar noch die Zeit für die sympathischsten Gerichtsmediziner der Comic-Geschichte – und für Witzeleien mit Hentai-Blüten-Halluzinationen, die allerdings in einer der üblichen blutigen Überraschungen münden, die einen immer wieder eiskalt erwischen.

Der mehrfach mit dem Eisner Award ausgezeichnete Mr. Moore, der sich vor Jahren mit der grandiosen Thriller-Seifenoper »Stranger in Paradise« in unsere Herzen schrieb und zeichnete und definitiv zu den wichtigen Vertretern der Creator-Owned-Bewegung des letzten Vierteljahrhunderts gehört, hat sich in »Rachel Rising« eben einfach mal so richtig ausgetobt. Deshalb stehen hier liebenswerte, schräge Figuren echt merkwürdigen Elementen und Entwicklungen gegenüber, und irgendwie ist es nur konsequent, dass der Amerikaner das bis zum Schluss durchgezogen hat.

Was Terry Moore als nächstes macht? Für 2018 hat er eine Rückkehr zu »Stranger in Paradise« angekündigt. Yay …

Franz Dobler: Ein Bulle im Zug

Dezember 9th, 2016
Franz Dobler: Ein Bulle im Zug, Heyne Hardcore, 2016

Franz Dobler: Ein Bulle im Zug, Heyne Hardcore, 2016

Erst Hardcover, dann Taschenbuch, aber eben doch immer hardcore: Franz Doblers heftiger, unangenehm treffsicherer, fieser und furchtloser Roman »Ein Bulle im Zug«, der 2014 bei Tropen als gebundenes Buch erschienen ist und Anfang 2016 von Heynes Hardcore-Imprint ins Taschenbuch gepackt wurde, ist ganz schön verstrahlt, aber eben zugleich auch wunderschön verstrahlt.

Nachdem Kommissar Fallner im Dienst einen jungen libanesischen Gangster erschossen hat und bei seiner Frau und seinen Vorgesetzten auf der Abschussliste steht, fährt er zur Therapie mit der Bahn und der Bahncard 100 quer durch die Republik. Dabei gehen Dobler, der u. a. Romane von Jim Thompson ins Deutsche übertragen hat, der Sound und das Feeling über alles, sowieso über den Plot. Das ist allerdings okay, trägt zum Lesegenuss bei. Hier und da wird das tiefsinnige Delirium zwar immer mal etwas too much, doch in der Summe ist das ein einziges atmosphärisches und sprachliches Vergnügen für alle, die diese Sorte Krimi und Literatur zu schätzen wissen. Zumal das Buch in vielen Momenten noch als gesellschaftliche Anzeigetafel taugt.

Dass es dafür den Deutschen Krimi Preis 2015 gab, ist schon so eine Art Mittelfinger an den Mainstream und den Einheitsbrei. Richtig so! Erklärt natürlich die vielen schlechten Leserstimmen der Tatort-Jünger online, die jedoch hoffentlich nicht die passenden Leser davon abhalten werden, sich an diesem Krimi made in Germany zu erfreuen. Gut, dass ich mit einiger Verspätung endlich zum Lesen gekommen bin. Oh, und der Zug hält einmal kurz am mittlerweile umgebauten Würzburger Hauptbahnhof, kurioser Moment beim Lesen …

Gerade ist übrigens die Fortsetzung »Ein Schlag ins Gesicht« rausgekommen.

Sugar & Spike: Methuman Investigations

Dezember 7th, 2016
Sugar & Spike TPB, DC, 2016

Sugar & Spike TPB, DC, 2016

Die bildschöne, aber stets genervte Blondine Sugar und der gutherzige Rotschopf Spike sind seit ihrer Kindheit Nachbarn und Freunde – und zusammen inzwischen ein Privatdetektiv-Gespann im traditionsbewussten Superhelden-Universum von DC Comics. Sie ermitteln, wenn Batmans abgedrehtes Zebra-Kostüm verschwunden und ausgerechnet im Lager des Schurken Killer Moth gelandet ist. Wenn Superman eine Kiste Kryptonit von jener Insel geborgen wissen möchte, die er in seinem jugendlichen Überschwang einst nach seinem Ebenbild geschaffen hat und auf der ein paar Roboter wild um sich schießen. Wenn Green Lantern das Schicksal von Itty geklärt haben will, seinem alten Seestern-Alien-Kumpel, der eine Weile auf seiner Schulter ritt und jetzt anscheinend in einem Superhelden-Museum ausgestellt wird. Wenn Wonder Woman angeblich einen Gestaltwandler geheiratet hat, der damit in eine Talkshow zu gehen gedenkt. Oder wenn die Legion of Superheroes aus dem 31. Jahrhundert und andere Recken aus der fernen Zukunft in der Gegenwart landen.

DC hat all diese Fälle von Sugar und Spike viel zu gut in der 2016er Heftserie „Legends of Tomorrow“ versteckt und im November zum Glück in einem Komplettband mit schickem Cover gesammelt.

Die humorvollen Kurzgeschichten, die der amerikanische Superhelden-Veteran Keith Giffen (vor ewigen Zeiten für die lustigen Missionen der Justice League gefeiert und nicht zuletzt Mitschöpfer von Rocket Raccoon) und die junge brasilianische Zeichnerin Bilquis Evely (»Shaft«, »Doc Savage«) inszeniert haben, beruhen alle auf tatsächlich erschienenen, mächtig abstrusen Storys aus der langen, bunten und gerne mal bizarren DC-Vergangenheit. Auch die beiden titelgebenden Detektive gehören zu dieser Historie: 1956 erfand Sheldon Mayer (1917–1991) die niedlichen kleinen Racker Sugar Plumm und Cecil ‚Spike’ Wilson, deren kleinkindliche Abenteuer Mayer bis 1971 schrieb und zeichnete. Im Revamp von Giffen und Evenly sind Sugar und Spike erwachsen geworden und verdienen sich ihren Lebensunterhalt mit heiklen Fällen, für die sich die betroffenen Superhelden oft in Grund und Boden schämen. Der traditionsbewusste, immer für eine Mischung aus Witz und Action zu habende Mr. Giffen setzt auf die Gegensätzlichkeit seiner Protagonisten, Wärme, Humor, Cheesiness, Nostalgie und Dialog-Ping-Pong, während Ms. Evely die sanft verknüpften Episoden in butterweiche, stylishe Zeichnungen kleidet, die von Ivan Plascencia superb koloriert wurden.

Davon möchte man mehr – dass es dann vorbei ist, wenn’s am schönsten ist, macht den Sammelband letztlich noch etwas wertvoller und sympathischer. Das ist eigentlich kaum zu toppen und gehört dieses Jahr auf die Leseliste jedes DC-Fans. Giffen hat das ermittelnde Duo gerade übrigens in die von ihm verfasste Serie »Blue Beetle« unter dem Rebirth-Banner integriert. Das kann man im Hinterkopf behalten, aber im Grunde ist man mit dem Band »Sugar & Spike. Metahuman Investigations« schon bestens beraten. Hübsches Weihnachtsgeschenk, by that way…

Manuele Fior: d`Orsay-Variationen

Dezember 3rd, 2016
Manuele Fior: d`Orsay-Variationen, Avant 2016

d`Orsay-Variationen, Avant 2016

Spätestens seit seinem überzeugenden Science-Fiction-Comic »Die Übertragung« muss man den Italiener Manuele Fior, der lange in Berlin wohnte und inzwischen in Paris lebt und arbeitet, auf dem Zettel haben.

In seinem neuesten Comic-Album »d`Orsay-Variationen« setzt der vielseitige Künstler dem Impressionismus und dem Pariser Museum für Impressionistische Malerei ein Denkmal. Seine Panel-Geschichte überwindet die Grenzen von Gegenwart und Vergangenheit ebenso mühelos wie die von Wirklichkeit und Traum – und kommt so ironischerweise immer mal ganz schön surrealistisch daher, was die gegenwärtige Museums-Rahmenhandlung zwischen den historischen Episoden aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angeht.

Dabei erklärt der 1975 geborene Fior nichts und niemanden, und vermutlich hätte dem Album ein Anhang mit ein paar zusätzlichen Fakten zu den Protagonisten keineswegs geschadet. Dennoch lässt der italienische Wandervogel die großen Namen des Impressionismus – der Kunst und der Kunstgeschichte, wenn man so möchte – und einen der wichtigsten Ausstellungsorte dieser malerischen Strömung auf vielerlei Art und Weise lebendig werden. Noch wichtiger, er lässt sie interessant werden, und zwar völlig unabhängig davon, was man nun über Degas, Renoir und Co. weiß, oder eben nicht.

Und das ist ohne jeden Zweifel eine Kunst für sich.

 

Neu:

Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen

Backlist:
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