Magie & Moriarty

April 25th, 2015
Geek! #18: Magie & Moriarty.

Geek! #18: Magie & Moriarty.

In der frisch erschienenen Geek! #18 gibt es eine kleine Meta-Einstimmung auf Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen. 

Die letzten Monate wurden auf meiner müden, blank getippten Apple-Tastatur leider nicht allzu viele Fiction-Texte produziert, da meistens Non-Fiction für Panini, diezukunft.de und ein Comic-Fachbuch-Projekt angesagt war – dieser kurze Fiction-Happen hier floss eines Nachts einfach so heraus und zeigte mir wieder einmal, wieso ich mich in 221B als Autor immer sofort zuhause fühle.

Holmes und Watson in typischer Baker-Street-Atmosphäre, viele Kleinigkeiten zu den Naturells der beiden Herren und ihrer Freundschaft und Beziehung, ein bisschen Augenzwinkern und ein paar Anspielungen, und dann noch einen Mr. Endres als Agenten und die Story von S. H. u. d. tanzenden Drachen eingebaut – fertig ist die Vignette, die hoffentlich Appetit auf den Roman macht (okay, es gab noch zwei Überarbeitungen, u. a. um auf Magazinseitenlänge zu kommen).

Und das schöne Layout des Beitrags in der Geek!, in der es diesmal ansonsten vor allem um Game of Thrones, Mad Max und die neue Dimension des Serien-Fernsehens geht, schadet sicher auch nicht (von mir sind im Heft noch der zweite Teil meines langen E-Book-Artikels, Artikel zu den neuen Büchern von Pat Rothfuss und Jasper Fforde, und ein Interview mit Moon-Knight-Zeichner Declan Shalvey).

Die Paperbacks von Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen sollen übrigens – so der letzte Stand der Dinge, Watson – am 30. April aus der Druckerei kommen, die Hardcover ein paar Tage später.

Was lange währt, und so.

Das E-Book ist, nur um das noch mal zu erwähnen, schon eine Weile erhältlich.

Kostenlose Kurzgeschichte: Sherlock Holmes und die Königin der Affen

April 20th, 2015
Sherlock Holmes und die Königin der Affen

Kostenlose, exklusive Kurzgeschichte: Sherlock Holmes und die Königin der Affen

Vorglühen einmal anders:

Um die Wartezeit zwischen dem bereits veröffentlichten E-Book von Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen und den Print-Ausgaben des Romans ein wenig zu verkürzen oder gar zu versüßen, gibt es meine neue Kurzgeschichte Sherlock Holmes und die Königin der Affen exklusiv als kostenloses E-Book.

Hier der Direkt-Link zum Download der PDF-Datei – und hier gibt es sie bei Beam.

Was Holmes und Watson auf Gibraltar erleben und was das mit H. G. Wells zu tun hat?

Lest die Story und findet es heraus…

Viel Spaß bei der Lektüre!

Andrzej Sapkowski: Zeit des Sturms

April 18th, 2015
Zeit des Sturms, dtv 2015

Zeit des Sturms, dtv 2015

Hier ist er, der beste Schwert-und-Magie-Fantasy-Roman der Saison und höchstwahrscheinlich des gesamten Jahres:

In »Zeit des Sturms« kehrt der polnische Autor Andrzej Sapkowski noch einmal in die Welt seiner Saga um den Hexer Geralt zurück. Fünfzehn Jahre hat Sapkowski nichts Neues mehr zum Monsterjäger und Antihelden mit dem Schwert aus Meteoriten-Erz geschrieben, der hierzulande erst im zweiten Anlauf zu einem Erfolg wurde – und zwischenzeitlich als The Witcher überdies ein internationaler Videogame-Hit.

Der neue Episodenroman, von Erik Simon wieder herrlich kantig und sprachgewaltig übersetzt, spielt zwischen den genialen Kurzgeschichtenbänden »Der letzte Wunsch« und »Das Schwert der Vorsehung« (und damit vor dem fünfbändigen Roman-Zyklus) und ist wie ein Schaulaufen der Hexer-Serie.

Harte Kämpfe, eine Kulisse zwischen rauem Mittelalter und finsterem Märchen, superbe Dialoge, ein paar gewitzte Anachronismen, hübsche Zauberinnen, Saurier, Dämonen, Werwölfe, Freundschaft, Liebe, Sex, Verrat, Politik – alles dabei, und das alles mit einer Leichtigkeit und zugleich Ernsthaftigkeit inszeniert, dass man richtig ins Schwärmen kommt.

Wahrlich herausragende, obendrein europäische Fantasy mit einem Schuss Noir.

Und mal ehrlich: Wie könnte man ein Buch zwischen Genre-Tradition und absoluter Eigenständigkeit nicht lieben, das vor den Kapiteln Leonard Cohen und Shakespeare auf Augenhöhe zitiert und Nietzsche von Geralts eloquentem Barden-Freund Rittersporn kommentieren lässt?

Prächtig.

Sollte eigentlich auch als Erstkontakt für Leser, die den Hexer bisher ignoriert haben, und Witcher-Gamer funktionieren, macht zumindest mit den Kurzgeschichten-Bänden im Rücken aber noch viel mehr Freude.

Savage Sword of Criminal

April 16th, 2015
Savage Sword of Criminal, Image 2015

Savage Sword of Criminal, Image 2015

Kürzlich kehrten Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips mit einer neuen Geschichte zu ihrer famosen Noir-Comic-Serie Criminal zurück, die im Original seit 2006 läuft und auf Englisch neuerdings beim Image Verlag erscheint.

Zur regulären Heftversion des One-Shots Criminal: The Special Edition gibt es auch ein Variant im üppigen Magazin-Format, das den Meta-Clou dieser Krimi-Geschichte mit Conan-Gimmick betont.

Denn zum einen liefern Brubaker und Philipps mit ihrer auf beiden Seiten der Gefängnismauern spielenden Story um den harten Gangster Teeg Lawless eine weitere überzeugende Crime-Story in Comicform ab – und zum anderen verbeugen sie sich damit vor der alten Conan-Comic-Magazin-Reihe Savage Sword of Conan. 

In der Criminal-Geschichte liest Lawless nämlich einen Fantasy-Comic, in dem die Conan-Hommage Zangar the Savage die Hauptrolle spielt – neben Unmengen an blutiger Gewalt und schönen nackten Frauen, versteht sich. Die Verpackung und Aufmachung des realen Comic-Magazins, das wiederum im fiktiven Comic schön meta-mäßig aufgegriffen und gelesen und anderweitig benutzt wird, erinnert an die gute, alte Zeit mit Robert E. Howards Barbaren bei Marvel: Das farbig auf alt getrimmte Papier, der unübersehbar gerasterte Druck, die typisch kargen Werbeanzeigen, ja die gesamte Gestaltung in Graustufen; selbst die Leserbriefseiten mit fiktiver, unglaublich lustiger Retro-Fanpost, geschrieben von den Comic-Machern Kurt Busiek, Gerry Duggan, Kieron Gillen, Chip Zdarsky und Kelly Sue DeConnick sowie dem Comedian Mike Drucker, die sich als Dreizehnjährige, wohlmeinende Fantasy-Feministinnen oder Hardcore-Fans ausgeben.

Doch der Meta-Spaß geht sogar noch weiter. Schließlich ist der Autor des fiktiven Schwert-und-Magie-Fantasy-Comics Alfred Ravenscroft, eine an Lovecraft und Howard erinnernde Figur aus Brubakers und Phillips anderer Pulp-Comic-Modernisierung Fatale.

Wahnsinn. Wenn man Conan und Krimis mag (wie ich), muss man diesen Comic einfach vom Cover bis zur Rückseite lieben. Crom! Schade, dass es wohl eine einmalige Sache bleiben wird. Aber so ist er natürlich auch was ganz Besonderes.

Außerdem fürchte ich, dass es dieses Jahr dann auch nicht mehr viel besser und begeisternder werden dürfte. Dieser Comic ist nur ganz schwer zu toppen.

Erschienen: Sherlock Holmes u.d. tanzenden Drachen (E-Book)

April 12th, 2015
Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen, Atlantis 2015

Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen, Atlantis, April 2015

Da es noch ein bisschen dauert, bis das Paperback und das exklusiv über den Verlag zu beziehende Hardcover aus dem Druck kommen, haben wir nun einfach schon mal das E-Book von »Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen« veröffentlicht.

Ganz schön fortschrittlich für zwei so klassische, traditionsreiche und -bewusste Recken wie den Meisterdetektiv und seinen besten Freund, Chronisten und Sidekick.

Das E-Book sollte in den nächsten Tagen überall erhältlich ein, wo auch immer ihr euren digitalen Lesestoff eben kauft – und was für ein Format auch immer euer Reader am liebsten mag.

Bei Amazon, Beam und anderen steht der historische Alternativwelt-Science-Fiction-Fantasy-Krimi sogar schon ab jetzt zum Download bereit.

Der digitalen Lektüre dieses fantastischen Falles des bekanntesten Ermittlers aller Zeiten steht also nichts mehr im Wege. Das Wild ist auf, um es mal mit diesen vertrauten Worten aus der Baker Street zu sagen.

So go and get it, Watson!

Wochenend-Lektüre

April 11th, 2015

Ein bisschen Wochenend-Lektüre:

Auf diezukunft.de widme ich mich in einem etwas ausführlicheren Beitrag der politischen Kontroverse um die diesjährigen Hugo Awards, in deren Zentrum die Sad Puppies-Offensive steht, die nicht nur George R. R. Martin große Sorgen bereitet, weil sie den wichtigsten Science-Fiction-Preis der Welt womöglich irreparabel beschädigt hat.

Im Comic-Portal des Tagesspiegel gibt es außerdem meinen Comic-Held der Woche-Text über die Neuauflage von Hans Hillmanns Dashiell-Hammett-Adaption »Fliegenpapier«, der vor Ostern schon im Blatt abgedruckt war.

Meine persönliche Wochenend-Lektüre? Wenn ich vor lauter Spider-Verse-Editorials dazukomme, ein paar Seiten Ken Bruen/Jack Taylor. Heiland. Ich könnte aber auch die Interviews mit Jeff VanderMeer oder Adrzej Sapkowski übersetzen, die in den letzten Tagen hier eingelaufen sind…

Nominiert …

April 8th, 2015

Vor den Feiertagen wurden die Nominierungen für den Kurd Laßwitz Preis 2015 bekanntgegeben.

Mit den Vorschlägen in den Kategorien, zu denen ich etwas sagen kann, bin ich sehr zufrieden – toll, dass es so Sachen wie Mario Albertis Cover für die Neuausgabe von Planet der Affen, Ursula K. LeGuins herausragender schmaler Roman Verlorene Paradiese samt der Übersetzung von Horst Illmer, oder der hypnotische erste Band von Jeff VanderMeers Southern Reach-Trilogie auf die Nominierungsliste geschafft haben!

Und besonders freut mich natürlich, dass unser SF-Portal diezukunft.de in der Kategorie Sonderpreis für eine einmalige herausragende Leistung im Bereich der deutschsprachigen SF 2014 nominiert wurden.

Ein schönes Feedback aus der Szene …

Neil Gaiman: Trigger Warning

April 7th, 2015
Neil Gaiman: Trigger Warning, 2015

Neil Gaiman: Trigger Warning, 2015

Nachdem Neil Gaimans letzte Storysammlung lediglich gekürzt auf Deutsch erschien, sollte man seine neueste Kollektion »Trigger Warning. Short Fictions and Disturbances« vermutlich am Besten gleich im englischsprachigen Original goutieren, einem schönen, großen, gebundenen Buch mit Rough Cut.

Der Titel der Sammlung verweist auf die vor allem im Internet gebräuchliche Warnung, dass etwas Impulse oder Auslöser – also Trigger – beinhalten könnte, und das ist bei Gaiman definitiv oft genug der Fall.

»Trigger Warning« präsentiert zahlreiche Texte des in den USA lebenden Briten, die bisher nur verstreut in Anthologien und anderswo veröffentlicht wurden, und ihr gemeinsamer Nenner sind Gaimans unverkennbarer Sound in Prosa wie in Lyrik, und seine Vielseitigkeit, die sein Können als Geschichtenerzähler unterstreicht, egal ob in den Gefilden von Science Fiction, Horror, Fantasy, Märchen oder irgendwo dazwischen.

Im gut 300 Seiten starken Band gibt es u. a. Tribute an Ray Bradbury, Jack Vance und Gene Wolfe, eine außergewöhnliche Sherlock-Holmes-Story, eine überragende Erzählung zum 50-jährigen Jubiläum von Doctor Who, einige famose Horror-Happen mit großer Wirkung, Gaimans experimentellen Twitter-Story-Verbund A Calendar of Tales, die vor Retro-Charme und Zeitgeist-Kritik schier berstende Geschichte des Unerfinders, sowie die grandiose Novelle The Truth is a Cave in the Black Mountains.

Zu all diesen zusammengetragenen Perlen kommt eine neue, exklusive Erzählung, auf die Gaiman-Enthusiasten schon lange gewartet haben: In ihr lässt der talentierte Mr. Gaiman Shadow Moon, den Protagonisten aus dem Gaiman-Roman »American Gods«, im englischen Hinterland mal wieder auf allerhand Übernatürliches treffen – ein starker Schlussakkord einer vollkommenden Fantastik- und Neil-Gaiman-Textsammlung.

The Walking Dead: Ein neuer Anfang

April 6th, 2015
The Walking Dead 22, Cross Cult 2015

The Walking Dead 22, Cross Cult 2015

Respekt, Robert Kirkman!

Nach 22 Sammelbänden und rund 130 Kapiteln gelingt es dem Ober-Zombie-Priester der Gegenwarts-Popkultur, einen perfekten Einstiegspunkt in seine zum Multimedia-Phänomen mutierte Comic-Saga The Walking Dead zu genieren.

Fans der TV-Serie, neugierige Genre-Enthusiasten, müde gewordene Stammleser – in Ein neuer Anfang ist der Titel tatsächlich Programm. Kirkmans Untoten-Serial mit insgesamt mehr Höhen als Tiefen macht nämlich einen kleinen Zeitsprung und beginnt die nächste große Storyline um neues und altes Personal.

Mut zur permanenten Veränderung, keine Gnade für Hauptfiguren, frische Ideen für eine funktionierende Gemeinschaft zwischen all dem Gammelfleisch, und eine krasse neue Bedrohung – Kirkman stellt auf den Seiten dieser Erzähleinheit seiner Endzeit-Seifenoper eindrucksvoll unter Beweis, weshalb er zum Synonym für exzellente Zombie-Kost geworden ist.

Und hey, was wäre Ostern ohne die eine oder andere starke Auferstehungs-Geschichte?

Leseprobe: Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen (1)

April 4th, 2015
Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen, Atlantis 2015

Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen, Atlantis 2015

Heute gibt es mal eine erste längere Leseprobe zu »Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen«, um die Wartezeit zu überbrücken und die Verzögerung in der Herstellung zumindest ein bisschen zu kompensieren. Kokain für die Holmesianer, oder so. Bei der folgenden Textstelle handelt es sich um den Anfang des Siebten Kapitels, in dem es zunächst um die Therapie mithilfe von Kaffee und Tinte und Kameradschaft geht – natürlich 100% spoilerfrei, sieht man einmal davon ab, dass Watson eine ausgesprochen harte Nacht hinter sich hat … 

Am nächsten Morgen erwachte ich zu fortgeschrittener Stunde und zum Gejammer einer Katze, der irgendwo in der Nachbarschaft Schreckliches angetan wurde, so, wie das arme Tier wehklagte. Ich musste mich erst noch etwas weiter von den Eindrücken meiner erwartungsgemäß reichlich wüsten und wirren Träume entfernen, um zu erkennen, dass es sich nicht um die Laute einer gequälten Katze handelte, sondern um das improvisierte Geigenspiel meines Mitbewohners. Holmes saß offensichtlich im Salon und frönte einmal mehr seinen wechselhaften, stark von seiner Laune und Verfassung abhängigen musikalischen Neigungen, ohne dabei viel auf die Schönheit seines Spiels zu geben. Das soll nun keineswegs heißen, dass Holmes nicht spielen konnte. Er konnte sogar ganz famos den alten deutschen und ungarischen Meistern nacheifern und das Herz mit seinen Interpretationen von Pugnani oder de Sarasate erwärmen – wenn er das denn wollte. Wenn er die Geige, so wie an diesem Vormittag, jedoch nur dazu missbrauchte, seine langen blassen Finger zu beschäftigen, derweil er über die Besonderheiten eines Falles nachgrübelte, der ihn gerade beschäftigte, und abwesend über die Saiten kratzte und ihnen schiefe Töne entlockte, klang es mehr nach der Hinterhofweihnachtssonate des Katzenjammerorchesters oder einer ganzen Rotte schlecht geölter Gartentore, die sich an Händel versuchten.

Trotz allem hatte das schiefe Geleier etwas ungemein Vertrautes, als ich in meinen Hausmantel und meine gefütterten Pantoffeln schlüpfte und mit einem stechenden Kopfschmerz in das gemeinschaftliche Wohnzimmer schlurfte, das wie der Himmel über der Stadt angenehm duster war.

»Guten Morgen, Watson!«, begrüßte mich Holmes, der, wie zu erwarten, ebenfalls im Morgenmantel in seinem Lieblingssessel saß, die Geige auf den spitzen Knien. Er schmunzelte leicht ob meiner augenmerklich schlechten Verfassung, sagte aber sonst nichts weiter dazu, dass ich es einmal nicht fertig angekleidet an den Frühstückstisch schaffte und stattdessen seinem modischen Beispiel folgte. »Mrs. Hudson bringt gleich frischen Kaffee«, meinte er lediglich jovial und strich versonnen über die Saiten seines Instruments, das öfter mit Missbrauch denn Muse konfrontiert wurde. »Ich habe ihr gesagt, sie soll ihn heute besonders stark machen – ich nehme an, das ist in Ihrem Sinne. Die gute Mrs. Hudson sah im Übrigen etwas verstimmt aus und murmelte etwas von schlechtem Umgang und noch schlechterem Einfluss.« Holmes sah mich in gespieltem Erstaunen an. »Können Sie mir sagen, wer von uns damit gemeint war? Ausnahmsweise bin ich mir nämlich nicht ganz sicher.«

Ich grunzte unwirsch und zog mich kommentarlos in mein Zimmer zurück, um mich zum neuerlich einsetzendem Gejammer von Holmes’ gequälter Geige zu waschen, zu rasieren und anzuziehen. Das eigensinnige Spiel des Detektivs verstummte, ehe ich den Rasierschaum mit dem Dachshaarpinsel über meine untere Gesichtshälfte verteilt hatte, was ich als Zeichen dafür nahm, dass Mrs. Hudson bereits das Frühstück auftrug. Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee, der mich aus der Ferne lockte, bestätigte diese Annahme und ließ mich geschwind in meine Hosen und mein Hemd schlüpfen.

Als ich in den Salon zurückehrte, standen Kaffee, Eier, Würstchen und Speck, Toast, Butter und Brombeermarmelade wie ein einladendes Versprechen auf dem großen Esstisch im Salon. Mein Magen ließ sich zu einem Knurren hinreißen, das mich in feinere Gesellschaft sicherlich disqualifiziert hätte. Zu meiner Verteidigung muss gesagt werden, dass ich in der vergangenen Nacht – aus übertriebener Vorsicht, wie ich gerne zugebe, denn natürlich kannte ich die Geschichten über jene armen verlorenen Seelen, die Trank und besonders Speis in Feenland angenommen hatten, auch wenn Wilde mir versichert hatte, ich könne dort unten bedenkenlos zugreifen – nichts gegessen hatte. Bei Anblick der morgendlichen Köstlichkeiten aus Mrs. Hudsons Küche merkte ich erst, wie hungrig ich nach den Erlebnissen der letzten Nacht tatsächlich war. Darüber hinaus erfüllte das üppige Frühstück noch einen anderen Zweck, der mir nach den nicht weniger üppigen Eindrücken meines nächtlichen Ausflugs sehr entgegenkam: Denn egal wie ereignisreich ein Tag war und wie turbulent und zuweilen sogar grauenhaft er womöglich endete – wenn Holmes und ich morgens am Frühstückstisch beisammensaßen, war da dann doch immer viel Platz für behagliche, beruhigende Routine, die einem die nötige Gelassenheit zurückbrachte, um sich den Dingen mit einer anderen Perspektive und weniger Verzweiflung oder Verbissenheit zu nähern. Das Sprichwort, dass die Welt am Morgen stets anders aussieht, hat meiner Erfahrung nach nicht allein mit den paar Stunden Abstand durch den Schlaf zu tun, sondern auch mit einem ordentlichen Frühstück.

Mrs. Hudson hätte dem sicher beigepflichtet, egal welche Ressentiments sie derzeit gegenüber ihren beiden Mietern in 221B hegte.

Auch an diesem kalten, grauen Novembermorgen hatte mich die heimelige Routine bereits nach der zweiten Tasse Kaffee – schwarz wie die Nacht; seit Afghanistan trank ich ihn ohne Zucker oder Milch – wieder, und so machte ich mir nach dem Frühstück sogar ein paar erste Notizen zu den Vorkommnissen im Fall des verschwundenen Königsschwertes und der letzten Nacht, was mir beides gleichsam beim Verarbeiten half.

Kaffee und Tinte als Therapie, wenn man so möchte.

Am Frühstückstisch erfreuten Holmes und ich uns meist an der stillen Kameradschaft des anderen, während jeder von uns seinen eigenen Angelegenheiten nachging, bis die Kaffeekanne mindestens zur Hälfte geleert und die Zeit einer Überschneidung unserer Gedankenwelten angebrochen war.

Sobald Holmes mit Lesen und Verstümmeln der Morgenausgaben von Times, Standard, Telegraph und Co. fertig war, ging mein Freund in der Regel bereits dazu über, seine Post zu sortieren. Der Detektiv bekam jeden Morgen einen ganzen Stapel Briefe, Postkarten und Telegramme, mit Poststempeln und Briefmarken aus aller Welt. Tag für Tag galt es, von Neuem zu entscheiden, welches Schreiben sofortiger Beschäftigung oder Antwort verlangte und welches er mit dem Dolch auf den Kaminsims pinnen konnte. Dabei sog Holmes genüsslich an seiner Pfeife, die er mit dem widerlichen Shag-Tabak vom Vortag gestopft hatte, der auch an diesem Morgen in seinem einsamen persischen Pantoffel darauf gewartet hatte, die abartigen Rauchgelüste meines Freundes zu befriedigen.

»Etwas Interessantes dabei?«, fragte ich, derweil ich mir überlegte, ob ich Shermans außergewöhnliches Haustier bei einer späteren Niederschrift des gegenwärtigen Falles erwähnen sollte oder lieber nicht. Insgeheim hoffte ich außerdem, dass mein Klient aus dem Kaiserreich mir vor seiner Abreise noch eine traurige, aber dankbare Antwort geschickt haben mochte, die sich in Holmes’ Morgenpost befände.

Holmes sah nicht von den aufgefächerten Schreiben auf, die er wie ein professioneller Kartenspieler aus Deadwood in der Hand hielt und mit spitzen Fingern sortierte. »Sie meinen, etwas, das Sie auf Ihren romantischen Streifzügen in die Gefilde der Trivialliteratur ausschlachten könnten?« Der Detektiv lächelte nicht. »Hier hätten wir einen Brief aus Amerika. Es scheint mal wieder Ärger um Mr. Pembertons Formel zu geben. Alle wollen sein Getränk. Muss am Kokain liegen«, fügte Holmes trocken hinzu.

Ich warf ihm einen grimmigen Blick zu, doch schien mein Freund nicht geneigt, sein verdammenswertes Laster an diesem Morgen weiter zu thematisieren, und lenkte meine Aufmerksamkeit stattdessen auf eine andere Nachricht in seinem Postfächer.

»Wann werden Sie Mr. Ritchie eigentlich endlich ganz offen sagen, dass Sie keine Adaption Ihrer Geschichten auf der Bühne sehen wollen, Watson? Inzwischen vergeht keine Woche, da er mich nicht in einem Brief bekniet, Ihnen ins Gewissen zu reden. Ihre Hinhaltetaktik scheint bei ihm nicht zu fruchten. Er ist hartnäckig. Und er hat Talent. Ich habe einige seiner Stücke gesehen.«

»Wie die meisten Schriftsteller ertrage ich es schon kaum, meine eigenen Werke noch einmal zu lesen, wenn sie gedruckt wurden, Holmes. Wie soll das erst sein, wenn sich ein anderer meiner Texte annimmt und sie auf der Bühne zum Leben erweckt?«

»Vielleicht tut eine frische Perspektive Ihren kleinen Fantasien ja sogar ganz gut? Aber was weiß ich schon von Literatur, was?« Der Detektiv schmunzelte mephistophelisch in sich hinein. »Und was haben wir denn hier? Eine Dankeskarte von Mr. Stevens, abgestempelt in Paris! Hm-mh. Er lässt Sie grüßen, Watson. Sie erinnern sich doch sicher noch, nicht wahr? Ich glaube, Sie haben den entsprechenden Fall sogar zu einer Ihrer Geschichten gemacht, die Mr. Conan Doyle dem Strand bisher nur nicht schmackhaft machen konnte. Radau im Rosenbeet war der Titel, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt.«

Diesmal war ich es, der das Thema nicht weiter vertiefte. Holmes mit seinem geradezu fotografischen Gedächtnis wusste so gut wie ich, dass ich die betreffende Episode als Der Fall des Rosenzüchters niedergeschrieben habe. Holmes hatte Mr. Stevens damals dabei geholfen, nachzuweisen, dass Stevens und nicht sein Kollege Mr. Jones der Erste gewesen war, der die edle Rosensorte Betty Page gezüchtet hatte; Holmes hatte die wahre Herkunft der gestohlenen Rose anhand von Blattläusen belegen können, die es nur in Stevens Gewächshaus gab. Ich werde nie das Gesicht des sympathischen Mannes vergessen, als Holmes ihm sagte, er solle sich bei seinen Blattläusen bedanken!

Dennoch erinnerte mich die Erwähnung der kleinen Schädlinge etwas zu sehr an meine Begegnung mit den Jacks gestern Nacht, und so wollte ich schnell das Thema wechseln. Diese Dinge niederzuschreiben, war eines – Holmes womöglich mit meinem Unbehagen auf eine Fährte zu stoßen, etwas anderes.

»Was macht Stevens in Paris?«

Holmes paffte einmal, ehe er antwortete. »Wie es aussieht, haben er und seine Betty bei einer Gartenschau in Paris den ersten Preis gewonnen. Wobei ihn die Ehre und der Sieg mehr erfreuen als der eigentliche Hauptgewinn, wenn ich das hier richtig interpretiere. Sein Preis scheint laut Mr. Stevens nämlich ein Rundflug mit etwas zu sein, das er hier als halsbrecherischen Rucksack mit Dampfturbinenantrieb beschreibt. Hm! Faszinierend!«

»Würden Sie etwa mit so einem Ding fliegen?«, fragte ich Holmes entsetzt.

»Das kommt ganz darauf an«, gab mein Freund sardonisch zurück und schritt durch den Salon, wobei er einigen hoffnungslos überladenen Beistelltischchen mit allen möglichen chemischen Aufbauten und sonstigen Experimenten sowie mehreren Buchstapeln auf dem Boden ausweichen musste. Am Kamin angekommen, zog er den Dolch wie Excalibur aus dem Sims, legte die neuen Briefe und Karten auf die bereits dort abgelegte Post und spießte den neuerlich angewachsenen Stapel unbeantworteter Korrespondenz erneut auf. Anschließend wandte er sich mir mit ernstem Gesicht zu. »Könnte ich damit Moriarty überführen, würde ich mich sogar auf den Rücken eines Pinguins setzen und mit ihm vom Victoria Tower stürzen und um die Wette flattern, Watson.«

Neu:

Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen

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