Der goldene Kompass Bd. 1

Juni 30th, 2015
Der goldene Kompass 1, Carlsen 2015

Der goldene Kompass 1, Carlsen 2015

Glaubt man dem Backcover des ersten Albums, dann sagt Autor Philip Pullman über die Panel-Adaption seiner erfolgreichen Fantasy-Roman-Serie His Dark Materials, dass es sich bei der französisch-belgischen Comic-Produktion um die beste Adaption des Romans handelt.

Da die Verfilmung, die nicht über den ersten Band Der Goldene Kompass hinauskam, zwar mit der Starpower von Daniel Craig und Nicole Kidman aufwarten konnte, ansonsten jedoch lediglich immer etwas zu glattes Popcorn-Fantasy-Kino bot, ist das allein freilich noch kein allzu beeindruckendes Prädikat.

Doch die Comic-Adaption von Szenerist Stéphane Melchior und Zeichner Clement Oubrerie ist, so weit man das nach dem ersten Album sagen kann, wirklich ziemlich gut geworden. An Pulmans Alternativwelt und seiner Story mit magischen Tier-Begleitern, Staub aus anderen Sphären, Luftschiffen, heldenhaften Zigeunern, theologischen Konflikten und einer finsteren Verschwörung um Kindesentführung im großen, niederträchtigen Stil (und später noch Krieger-Eisbären und Hexen), kann man natürlich nichts mehr drehen – die mag man, oder man mag sie eben nicht.

Melchior hat sich jedenfalls um Knappheit bemüht und gut zusammengerafft; nur selten hätten eine Szene oder ein Übergang ein paar Panels mehr vertragen. Das Artwork von Oubrerie, von dem hierzulande schon Pablo und Aya veröffentlicht wurden, trägt derweil viel dazu bei, dass diese neueste Verquickung des Stoffes so gut dasteht. Eigenwillig, eher griffig als schön, mutig, modern – ließ einen die Verfilmung von 2007 abrutschen, kann man sich an dieser visuellen Interpretation fast zehn Jahre später immer gut festhalten.

Drei Alben haben Melchior und Oubrerie für ihre Comic-Aufbereitung des ersten Romans veranschlagt. Das erste Album ist vor Kurzem auf Deutsch bei Carlsen erschienen, im Dezember folgt die Fortsetzung, und darin spielen die gerüsteten sprechenden Eisbären, die im Auftaktband lediglich ein paar Mal erwähnt werden, dann auch eine größere Rolle.

Joseph Lambert: Sprechende Hände

Juni 28th, 2015
Joseph Lambert: Sprechende Hände, Egmont 2015

Joseph Lambert: Sprechende Hände, Egmont 2015

In Joseph Lamberts Graphic Novel Sprechende Hände, die gerade bei Egmont als Hardcoverband erschienen ist, geht es um Annie Sullivan, die nach einer schwierigen, verstörenden Kindheit versucht, als bis zum Äußersten strapazierte Hauslehrerin der taubblinden Helen Keller das Fingeralphabet beizubringen, damit das sechsjährige Mädchen sich mit seiner Umwelt verständigen kann.

Wie die beiden Frauen Ende des 19. Jahrhunderts im Süden der USA miteinander und um jedes Fitzelchen Fortschritt ringen, hat Lambert in einer beeindruckenden Geschichte über Verstehen und Verständnis umgesetzt. Dabei setzt er die visuellen Stilmittel des Comics geschickt ein, um Helens eingeschränkte Weltsicht und ihr hart erkämpftes Auftauchen aus der Finsternis zu zeigen. Gleichzeitig tun sich im familiären sowie im pädagogischen und akademischen Umfeld von Annie und Helen immer wieder diverse Hindernisse und Störfaktoren auf, die im Anhang des Comics als biografische und historische Tatsachen belegt werden.

Sprechende Hände brachte dem 1984 in Kansas geborenen Lambert, der am Center for Cartoon Studies studiert hat, 2013 völlig zurecht einen Eisner Award ein, den er sich in der Kategorie für Comics nach wahren Begebenheiten damals allerdings mit Frank Youngs und David Laskys Portrait der Country-Musiker-Familie Carter teilen musste.

Erschienen: Killer’s Creek (Hörbuch)

Juni 21st, 2015
Killer's Creek – Hörbuch, Lübbe Audio 2015

Killer’s Creek – Hörbuch, Lübbe Audio 2015

Mein Kurzroman Killer’s Creek – Stadt der Mörder, Anfang des Jahres als E-Book der Thriller-Reihe Hochspannung bei Bastei Entertainment erschienen, liegt nun auch als digitales Hörbuch vor.

Zum Download stehen ab sofort 21 MP3-Tracks mit insgesamt 174 Minuten Spielzeit.

Dabei freut es mich sehr, dass Uve Teschner wieder als Sprecher fungiert, der Crazy Wolf – Die Bestie in mir damals absolut genial eingelesen hat und u. a. auch die Hörbücher zu The Walking Dead spricht.

Check it out.

Die Diebe von Karthago

Juni 16th, 2015
Die Diebe von Karthago, Avant 2015

Die Diebe von Karthago, Avant 2015

In »Die Diebe von Karthago« steht der nordafrikanische Stadtstaat mit den Elefanten kurz davor, von den Legionen Roms geschliffen zu werden. Dennoch gelingt es der schönen Diebin Tara, den Gallier Horodamus und den Numider Berkan von ihrem Plan zu überzeugen, mit ihr und ein paar Komplizen einen Tempel auszurauben. Doch während Karthago nach und nach im Chaos versinkt, fällt es auch den beiden Söldnern und ihren diebischen Mitstreitern immer schwerer, die Beute im Blick und den Kopf auf dem Hals zu behalten …

Autor Apollo inszenierte ein herrliches historisches Antihelden-Abenteuer in der antiken Vergangenheit seiner tunesischen Heimat, das Zeichner Hervé Tanquerelle (»Professor Bell«) und Koloristin Isabelle Merlet in stimmungsvollen Bildern eingefangen haben (sogar mit sympathischen Easter-Eggs wie einem Selbstportrait und einer Asterix-Hommage in den historienstoff-typischen Massenszenen – wer auf Wimmelbilder steht …).

Der deutsche Hardcover-Band aus dem Berliner Avant-Verlag enthält beide Original-Alben und darf als einer der ganz heißen Tipps der sommerlichen Comic-Saison gesehen werden.

Hier gibt’s eine Leseprobe.

Neil Gaiman: American Gods (Director’s Cut)

Juni 14th, 2015

Normalerweise schreibe ich ja anders über Bücher, aber in diesem Fall muss mal eine kleine Ausnahme her und auch erzählt werden, was beim Lesen so alles für persönliche Erkenntnisse lauerten … 

American Gods, Director's Cut, Eichborn 2015

American Gods – Director’s Cut, Eichborn 2015

Neil Gaimans preisgekrönter Fantasy-Roman »American Gods« – die Geschichte von Shadow, Odin und dem Krieg zwischen den Götter-Immigranten und den Neuzeit-Göttern Amerikas – ist kürzlich als Director’s Cut-Neuausgabe in der Komplett-Neuübersetzung von Hannes Riffel erschienen.

Und das ist schon erstaunlich und auch ein bisschen bedenklich: Während der Lektüre der Langfassung bin ich einige Male stirnrunzelnd zum Regal gelatscht, um das Gelesene mit der gut zehn Jahre alten  (und vor gut zehn Jahren gelesenen) Heyne-Fassung zu vergleichen, da ich sicher war, eine neue Szene gelesen zu haben, die in der alten Version des Buches nicht enthalten war. Aber ich werde einfach nur alt, denn natürlich war jede dieser Szenen auch schon in der früheren Fassung enthalten …

Ansonsten ist »American Gods« nach wie vor ein Werk mit vielen tollen Ideen und Szenen und Dialogen, aber nach wie vor auch ein bisschen zu elitär und träge – und durch den Mehrumfang von 12.000 Wörtern ist der Roman auch nicht gerade flotter geworden. Außerdem lässt es den typischen Gaiman-Sound, den ich in den letzten Jahren so lieb gewonnen habe, oftmals vermissen.

Ich denke nicht, dass ich »American Gods« – egal in welcher Fassung – ein drittes Mal lesen werde (Bücher noch mal lesen ist, auch bei echten Lieblingsbüchern, inzwischen eh ein Luxus, der fast nicht mehr geht, und wenn, dann hätten das eigentlich die Scheibenwelt-Romane von Sir Terry verdient, und auch der Anhalter von Adams mal wieder); und der Roman konnte sich auch nicht weiter nach vorne schieben in der Liste der Gaiman-Lieblinge, die prosatechnisch weiterhin von den überragenden Kurzgeschichtensammlungen, »Das Graveyard-Buch«, »Der Sternwanderer«, »Der Ozean am Ende der Straße« und »Niemalsland« angeführt wird.

So, genug auf hohem Niveau gejammert – wer das Buch nicht kennt, sollte trotzdem mal reinschauen, denn es ist sicherlich eines der wichtigeren Werke moderner, zeitgenössischer Fantastik.

Kurd-Laßwitz-Preis 2015

Juni 12th, 2015

Coole Sache: Frau Bösl, Herr Kronsbein, Herr Pirling und meine Wenigkeit wurden für unsere Arbeit auf www.diezukunft.de beim diesjährigen Kurd-Laßwitz-Preis mit dem Sonderpreis für eine herausragende Leistung im Bereich der deutschsprachigen SF 2014 ausgezeichnet.

Danke für diese Würdigung unserer Arbeit, werte Kollegen (denn der KLP wird von Autoren, Lektoren, Übersetzern, Grafikern, Redakteuren etc. der deutschsprachigen Szene per Abstimmung verliehen).

Plus: Wenn ihr bisher also keinen Grund hattet, regelmäßig auf diezukunft.de vorbeizusurfen, ändert sich das jetzt hoffentlich …

Stan Sakai: Usagi Yojimbo: Senso

Juni 10th, 2015
Usagi Yojimbo: Senso, Dark Horse 2015

Usagi Yojimbo: Senso HC, Dark Horse 2015

Seit 1984 schreibt, zeichnet und lettert der ebenso sympathische wie bewundernswerte Vorzeige-Vollprofi Stan Sakai die Comic-Abenteuer seines Hasen-Ronin Miyamoto Usagi, der ein anthropomorphisiertes, historisch jedoch hoch akkurates feudales Japan des 17. Jahrhunderts durchstreift.

Nach einer kleinen Pause und Projekten wie »47 Ronin« kehrte der 1953 geborene Sakai 2014 trotz privater Schicksalsschläge am laufenden Band zu seinem charismatischen Hasen-Krieger zurück – jedoch nicht direkt mit der nächsten anstehenden regulären Heftnummer (die folgte später in diesem Jahr), sondern mit einer sechsteiligen Miniserie, »Usagi Yojimbo: Senso«, die inzwischen als Hardcover-Sammelband auf Englisch vorliegt, für den Sakai eine Passage sogar komplett neu gezeichnet hat.

»Usagi Yojimbo: Senso« spielt 15 Jahre in der Serien-Zukunft und beginnt mit einer gewaltigen Schlacht und allen wichtigen Nebenfiguren von Usagis Waffenbruder Gen bis hin zu seinem Sohn Jotaro. Im blutigen Schlachtengetümmel landet plötzlich ein Raumschiff, und das bleibt nicht ohne Folgen: Fortan bekommen es Sakais Samurai und Ninja mit einer Invasion vom Mars zu tun – es gibt also ein Crossover mit H. G. Wells’ SF-Klassiker »Krieg der Welten«!

Stan Sakai, der sein Ensemble in »Space Usagi« 1996 schon einmal in ein SF-Setting verpflanzte, hat mit Usagi einen echten Lieblingshelden geschaffen. Und egal was er mit seinem Ronin anstellt: Es ist immer hervorragend inszeniert, und da stört auch kein vorhersehbares dramatisches Klischee. Mit »Senso« beweist Sakai außerdem eindrucksvoll, dass er die verrückte Blockbuster-Action genauso beherrscht wie schnelle Schwertkämpfe oder ruhige Tee-Zeremonien.

Er ist eben ein moderner Meister.

Christopher: Love Song

Juni 6th, 2015
Love Song Bd. 4, Salleck 2014

Love Song 4, Salleck Publiactions, 2014

Da der in England geborene, jedoch in Frankreich aufgewachsene und lebende Christopher dieser Tage als einer der vielen internationalen Gäste auf dem Comicfestival München anwesend ist, habe ich mir seinen Vierteiler Love Song für den Tagesspiegel angeschaut.

Nach der kurzen Besprechung auf der Comic-Seite im Blatt am Mittwoch, ist nun auch der lange Text zu Christophers Geschichte in vier starken Alben und über alte und neue Träume, Heilung und Verlust, Fehltritte und Seitensprünge, Geheimnisse und Maske, und natürlich die Höhen und Tiefen langer Freundschaft online gegangen:

Good Times Bad Times.

 

Jiro Taniguchi & Natsuo Sekikawa: Trouble Is My Business 2

Juni 4th, 2015
Trouble Is My Business Bd. 2, Schreiber & Leser 2015

Trouble Is My Business Bd. 2, Schreiber & Leser 2015

Jotaro Fukamachi hat sich im Nebenzimmer einer Zahnarztpraxis eingemietet, mag keine Regenschirme, fährt Roller, trainierte als Schwimmer einst für die olympischen Spiele und möchte der größte Detektiv aller Zeiten werden. Da er getrennt von seiner Frau und seiner vorlauten Tochter lebt, fühlt er sich zur Zeit der Kirschblüte zudem oft einsam und tanzt dann mit einem Escort-Girl im rosaroten Regen. Und wenn gar nichts mehr geht, beißt er seine Gegner einfach mal kräftig.

Außerdem muss Fukamachi oft ordentlich einstecken: er wird getreten, geschlagen, beschossen, betäubt und überfahren, während er es mit einem irren Stalker, echten Mistkerlen, einem Kollegenschwein, fiesen Bullen, einem Monster in Dealer-Gestalt, skrupellosen Filmemachern, einem verräterischen Freund, Hypnose und einem Kampfhubschrauber aufnehmen muss.

Ansonsten stolpert und schlafwandelt Fukamachi auch im zweiten Band von Trouble Is My Business wie gehabt durch seine Fälle, die ursprünglich Anfang der 1980er-Jahre erschienen, also lange bevor Zeichner Jiro Taniguchi zum Synonym für Manga-Feingeist avancierte.

Nach wie vor sind die schamlos übertriebenen und überzeichneten Detektiv-Kurzgeschichten von Autor Natso Sekikawa recht sprunghaft – und dabei absolut sympathisch und lesenswert für Genre-Fans.

Der zweite Band der Hardboiled-Parodie macht sogar noch mal mehr Spaß als der erste.

Michael Cho: Shoplifter

Juni 1st, 2015
Shoplifter, Egmont 2015

Shoplifter, Egmont 2015

Michael Chos Graphic Novel Shoplifter – Mein fast perfektes Leben kommt auf den ersten Blick wie das Comic-Pendant zu einem dieser Filme mit Katherine Heigl oder Anne Hathaway daher.

Das liegt zum einen an der Schwarz-Rosa-Farbgebung, und zum anderen natürlich an den Elementen der Geschichte: Corinna Parks arbeitet seit ihrem Umzug in die große Stadt inzwischen schon viel zu lange in einer Werbeagentur, obwohl sie nach dem Studium eigentlich einen Roman schreiben wollte und der Job in der Agentur lediglich dem Abbezahlen ihres Studienkredits dienen sollte. Corinnas Sozialleben besteht indes hauptsächlich aus ihrer verschrobenen Katze, und für den kleinen Kick zwischendurch klaut Corinna im Supermarkt Zeitschriften. Auch das Date mit einem attraktiven Fotografen reißt am Ende weniger, als erhofft. Wenn sie im Fernsehen einen Bericht über das Aussterben der Eisbären sieht, nimmt sie nur den schönen Sonnenuntergang hinter dem Polarmeer wahr. Kein Wunder, dass sich die junge Frau Gedanken über diese gepolsterte, monotone Sackgasse ihres Lebens macht …

Hinter dem vermeintlichen »Frauenfilm-Muster« und dem farbschematischen Klischee verbirgt sich allerdings die gar nicht mal so kitschige oder unkluge Momentaufnahme eines modernen Lebens. Der in Südkorea geborene, heute in Kanada lebende Cho fängt auf weniger als 100 Seiten letztlich die Gedanken und Sorgen einer ganzen Generation, »Gattung« und Gesellschaft ein. Der Ansatz mit dem Ladendiebstahl wirkt am Ende ein bisschen überflüssig, aber davon abgesehen, ist Shoplifter ein schön gezeichneter Comic-Roman mit mehr Substanz, als man der dünnen Klappenbroschur zunächst zutraut, und, sozusagen, eine gelungene Studie in Rosa.

Neu:

Sherlock Holmes und die tanzenden Drachen

Backlist:
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