{"id":1558,"date":"2019-12-23T10:36:49","date_gmt":"2019-12-23T09:36:49","guid":{"rendered":"http:\/\/christianendres.com\/?p=1558"},"modified":"2022-06-19T11:26:10","modified_gmt":"2022-06-19T09:26:10","slug":"the-witcher-interview-mit-andrzej-sapkowski","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/christianendres.de\/?p=1558","title":{"rendered":"The Witcher: Interview mit Andrzej Sapkowski"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1559\" aria-describedby=\"caption-attachment-1559\" style=\"width: 187px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/paninishop.de\/the-witcher-games-fantasy-comics\/the-witcher-1-ydwitc001\"><img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-1559\" src=\"https:\/\/christianendres.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/witcher_panini1.jpg\" alt=\"The Witcher Bd. 1, Panini 2014\" width=\"187\" height=\"283\" srcset=\"https:\/\/christianendres.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/witcher_panini1.jpg 231w, https:\/\/christianendres.de\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/witcher_panini1-198x300.jpg 198w\" sizes=\"(max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1559\" class=\"wp-caption-text\">The Witcher Bd. 1, Panini 2014<\/figcaption><\/figure>\n<p>Alle sprechen \u00fcber Netflix&#8216; \u00bbWitcher\u00ab-Serie.<\/p>\n<p>Ich selbst hab noch nicht reingeschaut, weil ich mir noch nicht ganz sicher bin, ob sie es mir wert ist, mein heiliges Kopfkino zu entweihen. Die B\u00fccher, allen voran&nbsp;die beiden anf\u00e4nglichen Kurzgeschichtensammlungen und der sp\u00e4te Episodenroman, z\u00e4hlen schlie\u00dflich zu meinen absoluten Faves, wenn es um Schwert-und-Magie-Stoffe&nbsp;geht. Da bin ich picky und ein Purist.<\/p>\n<p>Aber&nbsp;es ist schon wirklich sehr sch\u00f6n, dass ein europ\u00e4isches Fantasy-Franchise international und multimedial derma\u00dfen&nbsp;f\u00fcr Furore sorgt seit Jahren \u2013 und immer noch neue H\u00f6hen erreicht.<\/p>\n<p>Als kleines Weihnachtsgeschenk an die letzten treuen Leser dieses auch 2019 wieder oft arg vernachl\u00e4ssigten Blogs hole ich an dieser Stelle nun einfach mal das&nbsp;Interview aus dem Archiv, das ich 2015 mit dem polnischen Autor und Witcher-Erfinder Andrzej Sapkowski f\u00fchrte, und das damals in <a href=\"http:\/\/www.phantastisch.net\/ph2015.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ausgabe 60 der&nbsp;\u00bbphantastisch!\u00ab<\/a> abgedruckt wurde.<\/p>\n<p>Die Illustration dieses Beitrag ist eines der Cover zu den <a href=\"https:\/\/paninishop.de\/the-witcher-games-fantasy-comics\/the-witcher-1-ydwitc001\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Comics<\/a> rund um den&nbsp;Hexer Geralt, die ich als Redakteur f\u00fcr Panini betreut habe.<\/p>\n<p><em>Hallo Herr Sapkowski. Im Deutschen wurde die Witcher-Buchserie&nbsp;erst im zweiten Anlauf ein Erfolg. Haben Sie daf\u00fcr eine Erkl\u00e4rung?<\/em><\/p>\n<p>Nun, ich kann mir gut und gerne Hundert Gr\u00fcnde daf\u00fcr denken: Das Cover war Schei\u00dfe, es gab keine Werbung, und so weiter, und so fort. Der wahre Grund ist schmerzhaft, aber wahr: Die B\u00fccher haben sich nicht so gut verkauft, wie Heyne erwartet hatte, und ich vermute, es war sogar viel schlimmer. Kein Wunder, die Leser erwarteten nicht viel von einem Autor aus dem Nirgendwo. <!--more-->Wolfgang Jeschke hat auf einer tschechischen Convention einmal zu mir gesagt, dass polnische Science Fiction f\u00fcr ihn immer Stanislaw Lem sein w\u00fcrde, und polnische Fantasy sei weder f\u00fcr ihn noch f\u00fcr Heyne von Interesse. Seine Meinung \u00e4nderte sich schnell, als er die Menschenmassen sah, die zu meiner Signierstunde kamen. Aber das war in Tschechien, und Deutschland war offensichtlich nicht Tschechien. Oder Polen. Diese Situation hatte sich ver\u00e4ndert nach der herzlichen Aufnahme und den wohlwollenden Kritiken von \u00bbNarrenturm\u00ab in Deutschland. Ich war kein \u00bbNiemand\u00ab mehr. Zehn seltsame Jahre waren verstrichen, meine Romane wurden ins Spanische und Franz\u00f6sische \u00fcbersetzt. Fantasy-Fans von \u00fcberallher \u2013 inklusive Polend, Russland und Tschechien \u2013 kommunizieren im Internet und erz\u00e4hlen anderen, welche Autoren sie m\u00f6gen. DTV brauchte keine tschechischen Conventions, um \u00fcberzeugt zu werden, dass ich es wert war, verlegt zu werden.<\/p>\n<p><em>M\u00e4rchen, Mythen und Folklore sind ein wichtiger Teil des Settings der Hexer-Welt. Interessierten Sie diese Dinge schon immer, oder mussten Sie viel recherchieren?<\/em><\/p>\n<p>Ganz unbescheiden gesagt, bin ich ein Gelehrter, wenn es um Legenden, Fabeln und M\u00e4rchen geht. Ich kannte meinen Stoff schon vorher, von daher war es nicht notwendig, eigens f\u00fcr die Geralt-Saga zu recherchieren. Sp\u00e4ter fand ich es jedoch zweckm\u00e4\u00dfig, weiterf\u00fchrend zu studieren und zu lernen, etwa von Bruno Bettelheim [Red.: interpretierte die M\u00e4rchen der Gebr\u00fcder Grimm psychoanalytisch], um nur einen Namen zu nennen.<\/p>\n<p><em>Gerade in den Kurzgeschichten mit Geralt ist die Sicht der Liebe eher pessimistisch. Finden Sie, dass wahre Liebe weh tun muss?<\/em><\/p>\n<p>Teufel, nein, ich bin nicht dergestalt pessimistisch, noch sind Pessimismus und Fatalismus meine Existenzphilosophie. Doch w\u00e4hrend ich mir den Plot ausdachte, stellte ich mir vor, dass die Art von Liebe, die Geralt begegnet und der er gegen\u00fcbertreten muss, wesentlich interessanter w\u00e4re f\u00fcr die Leser, die \u2013 selbst in Fantasy-Romanen \u2013&nbsp;ein wenig gelangweilt sein k\u00f6nnten von Happy Ends, Hochzeiten und Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Zumal ich von Anfang an gegen die Idee gewesen bin, dass Frauen in den meisten Fantasy-Romanen der \u00bbPreis f\u00fcr den Helden\u00ab sind, eine Beute f\u00fcr den Krieger. Tats\u00e4chlich sind meine Geschichten das genaue Gegenteil: Geralt ist keine ungl\u00fcckliche, traurige Person. Es ist sein Pech, sich in eine Frau zu verlieben, die sich schlichtweg weigert, ein \u00bbFantasy-Klischee\u00ab zu sein. In den Romanen wurde es zwischen Geralt und seiner Liebe dann besser &#8230; und wieder schlechter &#8230; und dann &#8230; na, das soll nicht verraten werden.<\/p>\n<p><em>War es schwierig, nach so vielen Kurzgeschichten schlie\u00dflich Romane mit dem Hexer zu schreiben?<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr mich war es eine nat\u00fcrliche Konsequenz, eine Erweiterung. Ab einem bestimmten Punkt f\u00fchlte ich mich gebunden, gefesselt und eingeschr\u00e4nkt mit dem Umfang einer Kurzgeschichte oder einer Novelle. Wie Isaac Asimov zu sagen pflegte, eine Kurzgeschichte ist ein Zug, und ein Roman ein Flugzeug. Pl\u00f6tzlich hatte ich das Verlangen, den Zug zu verlassen \u2013&nbsp;und das Flugzeug zu fliegen. Ich betrachtete die urspr\u00fcngliche Geralt-Saga, die beiden Kurzgeschichtensammlungen und die f\u00fcnf Romane, immer als eine geschlossene und vollst\u00e4ndige Einheit. Etwas, das praktisch keinen Raum f\u00fcr Sequels oder Fortsetzungen zul\u00e4sst. Deshalb hatte ich auch niemals Pl\u00e4ne, die Saga von ihrem Ende aus fortzusetzen. Was ich mir immer wieder \u00fcberlegte und neu \u00fcberlegte, war das Schreiben von lose verbundenen Geschichten, nach dem Motto \u00bbwas geschah davor?\u00ab oder \u00bbwas geschah dazwischen?\u00ab. Diese Pl\u00e4ne waren lange diesig &#8230;<\/p>\n<p><em>Und dann, nach fast f\u00fcnfzehn Jahren, kehrten sie doch zum Hexer zur\u00fcck und schrieben einen fantastischen Episodenroman. War die Zeit einfach reif?<\/em><\/p>\n<p>Ich kann Ihnen keine Erkl\u00e4rung geben, die klar genug w\u00e4re. Ich hatte viele \u2013&nbsp;eher vage \u2013&nbsp;Pl\u00e4ne und Projekte. \u00bbZeit des Sturms\u00ab nahm schneller klare Gestalt an, als andere.<\/p>\n<p><em>Wie f\u00fchlte sich die R\u00fcckkehr in die Welt von Geralt, Rittersporn und Co. an? Ihre Figuren, Dialoge und Ihr Sound sind unver\u00e4ndert grandios &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Weshalb sollte meine Prosa auch nicht mehr grandios sein? Schlie\u00dflich entwickle ich meine F\u00e4higkeiten mit der Zeit weiter und verliere sie nicht. Doch es stimmt schon, als ich mit dem Hexer anfing, war ich knapp Vierzig, und als ich \u00bbZeit des Sturm\u00ab begann, war ich \u00fcber Sechzig. Man k\u00f6nnte sagen, dass man zwischen Vierzig und Sechzig nicht reifer wird und keine Erfahrungen dazu gewinnt \u2013 man wird einfach \u00e4lter. Aber ich bin noch nicht senil \u2013 ich entwickle meine Schreibf\u00e4higkeiten fortlaufend. Haupts\u00e4chlich durch Lesen. Ich lese sehre viel. Ein Buch alle zwei oder drei Wochen.<\/p>\n<p><em>Hat der Erfolg der Witcher-Videogames Ihre Herangehensweise an das neue Buch beeinflusst? Durch die Games haben Sie inzwischen ja eine andere Zielgruppe &#8230;<\/em><\/p>\n<p>Ich denke nicht, dass mein Herangehen an die Figuren und den Plot irgendwelche fundamentalen Ver\u00e4nderungen durchlief. Und mit Sicherheit nicht wegen des Videospiels. Und die Leserschaft? Sie ver\u00e4ndert sich, okay, doch sie erneuert sich auch selbst. Immer und immer wieder. Wenn ich heutzutage mit Fans zusammenkomme, waren die meisten von ihnen noch nicht geboren, als ich mit dem Schreiben angefangen habe. Sie sind nicht anders \u2013&nbsp;sie sind neu. Sie sind meinem Weg als Autor nicht gefolgt, sie bekamen den Hexer als Paket. Nat\u00fcrlich sind die Fans heute fordernder. Besonders in Polen, wo Fantasy in den Achtzigern rar war und wo die Regale in den Buchl\u00e4den heute voll davon sind. Die Leser haben die volle Auswahl und k\u00f6nnen entscheiden, was gut ist und was nicht.<\/p>\n<p><em>Hat sich besonders das Fantasy-Genre gewandelt, seit Sie die ersten Hexer-Episoden geschrieben haben?<\/em><\/p>\n<p>Fantasy ver\u00e4ndert sich die ganze Zeit. Jedes Jahr \u2013&nbsp;wenn nicht sogar jeden Monat \u2013&nbsp;sehen wir einige neue interessante B\u00fccher, sehen wir jemanden mit einem v\u00f6llig neuen und innovativen Ansatz f\u00fcr das Genre, sehen wir eine neue fesselnde Geschichte oder einen neuen Helden, den wir sofort lieben. Dennoch bleibt die \u00bbHall of Fame\u00ab der Helden nat\u00fcrlich stets dieselbe, selbst wenn manche Helden mit Staub bedeckt, aus der Mode gekommen und obsolet scheinen. Nach wie vor haben wir die Sockel, und auf ihnen stehen Conan, Kane, Jirel die Amazone, Elric von Melnibon\u00e9, Fafhrd und der Graue Mausling, Druss und andere. Und ohne falsche Bescheidenheit denke ich, dass auch auf Geralt von Riva ein Sockel wartet.<\/p>\n<p><em>Die unvermeidliche Frage zum Schluss: Wird es ein weiteres Buch mit dem Hexer geben?<\/em><\/p>\n<p>Vielleicht. Wer kann das schon sagen? Alles h\u00e4ngt von der Muse ab. Und ihren Launen. Musen sind schlie\u00dflich launenhafte Wesen.<\/p>\n<p><em>Dann hoffen wir auf die Muse. Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch, Herr Sapkowski.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Alle sprechen \u00fcber Netflix&#8216; \u00bbWitcher\u00ab-Serie. Ich selbst hab noch nicht reingeschaut, weil ich mir noch nicht ganz sicher bin, ob sie es mir wert ist, mein heiliges Kopfkino zu entweihen. 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